Elaine ohne Kind

Über den Abschied vom Kinderwunsch und das Leben danach

Friday

02

September 2016

Kleine Geste, grosse Wirkung

von Elaine, über ungewollte Kinderlosigkeit, Gesellschaft, Heilsam

Kleine Geste, grosse Wirkung

Wie Ihr wisst, habe ich diesen Sommer mit meiner Ausbildung begonnen. Ein paar Tage vor Schulbeginn passierte etwas Unerwartetes und Schönes: ich erhielt Post.

Als meine Schwester diesen Frühling Mutter wurde, fragte ich sie, was ich ihr schenken dürfe. Sie fand es nicht recht, dass ich ihr etwas schenken musste. Vor dieser Schwangerschaft hatte sie nämlich zwei Babys verloren und konnte daher erahnen, wie es mir ging. Während sie um ihre Babys trauerte, bekamen mehrere ihrer Nachbarinnen Kinder, und meine Schwester musste ihnen etwas schenken. Das war schwer für sie. Nicht nur hatten die Nachbarinnen ein Baby und meine Schwester nicht, sie bekamen auch noch Geschenke dafür (und meine Schwester nicht). Irgendwie ungerecht, oder? Meine Schwester dachte dabei auch an mich, denn mir geht es seit Jahren so. Ich fand es rührend, dass sie von mir kein Geschenk erwartete, aber ich schenkte ihr dann trotzdem etwas. Ich überlegte mir etwas für sie anstatt für das Kind.

Nun fand ich also diesen Umschlag im Briefkasten. Von meiner Schwester. Mit einer netten Karte und einem Gutschein für ein Fachgeschäft in der Branche, in der ich auch meine Ausbildung mache. Sie wünschte mir einen guten Start in den neuen Lebensabschnitt.

Es rührte mich zu Tränen. Weil da jemand bemerkt hatte, wie wenig die gesellschaftlichen Rituale und Traditionen auf das Leben einer kinderlosen Frau zugeschnitten sind. Sie wünschte mir Gutes. Und schenkte mir etwas. Sie sagte mir später, die Schule sei für sie ein wenig wie mein Baby. Vergleichen kann man das nicht, aber ich verstand, was sie meinte. Und es tat mir wohl.

Falls dies jemand liest, der selbst nicht kinderlos ist, aber Bekannte oder Angehörige hat, die davon betroffen sind: was meine Schwester gemacht hat, finde ich durchaus nachahmenswert. Weil es einem Leben, in dem die Stille der Nicht-Ereignisse (Nicht-Geburten, Nicht-Taufen, Nicht-Schulbeginn, Nicht-Schulabschluss, Nicht-Hochzeiten) geradezu ohrenbetäubend ist, ein Ereignis oder einen Meilenstein zugesteht und ihm dadurch Wert und Anerkennung verleiht.

Foto: Elaine

Elaine

lebt in der Schweiz. Sie liebt die Natur, besonders im Frühling. Sie mag Spaziergänge, Wanderungen, die Berge, das Meer, Bücher, Kunst, Flohmärkte, Brockenhäuser.

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