Elaine ohne Kind

Über den Abschied vom Kinderwunsch und das Leben danach

Monday

22

August 2016

Nicht die Ärmste

von Elaine, über ungewollte Kinderlosigkeit, Heilsam, Gesellschaft

Nicht die Ärmste

Monatelang hatte ich getrauert. Geweint. Manchmal mehr, manchmal weniger. Wir erinnern uns, da sind die guten und die schlechten Tage. Zuerst überwogen die schwierigen Tage. Dann blitzten immer mehr schöne Tage dazwischen auf. Tage zum Verschnaufen, zum Kräfte-Tanken. Zum Hoffnung-Schöpfen. Bis sich eines Tages dieser Satz bildete in meinem Innern: Ich bin nicht die Ärmste! Irgendwo tief in mir erwachte die Stärke. Sie stand auf und sagte es mir. Und sie hatte recht.

Das Leben ist kein Zuckerschlecken, wie wir bei uns in der Schweiz sagen. Es ist manchmal ganz schön hart. Und wenn ich in der Kinderwunschzeit eines gelernt hatte, dann dies (das Zitat ist von Ian Maclaren):

Sei freundlich. Denn jeder Mensch führt einen Kampf, von dem du nichts weisst.

Als ich in Kinderwunschbehandlung war, begann ich mich plötzlich zu fragen, wie viele Menschen neben mir noch auf der Welt herumliefen, die einen unsichtbaren Kampf führten. Denn - das hat mir eine Arbeitskollegin später bestätigt - niemand sah mir an, dass ich mir täglich Spritzen setzte. Gewisse Arzttermine konnte ich nicht verheimlichen, aber worum es wirklich ging, sagte ich niemandem. Die Frauen, die morgens neben mir im Wartezimmer sassen und auf die Blutentnahme warteten, sahen ganz normal aus. Keine von uns trug ein Schild mit der Aufschrift "Unterzieht sich gerade einer belastenden Behandlung".

Ganz am Anfang meiner Trauerzeit unterteilte ich die Menschen in zwei Kategorien: hat Kinder, hat keine Kinder. Wer Kinder hatte, war - zu dem Zeitpunkt - in meinen Augen beneidenswert. Es machte mir Mühe, wenn sich diese Menschen bei mir beschwerten. Ich dachte mir dann: Zu gern würde ich diese schlaflose Nacht, diesen Magen-Darm-Virus, dieses Stillproblem (beliebig erweiterbar) auf mich nehmen, wenn ich nur Kinder hätte.

Nun, die Zeit verging. Irgendwann stellte ich fest, dass diese Menschen mit Kindern auch Sorgen hatten. Und zwar grösstenteils solche, um die ich sie überhaupt nicht benied. Da waren chronische Krankheiten. Alleinerziehende Mütter in Geldnot. Frauen mit postnataler Depression. Ich male hier nicht schwarz: das sind alles Frauen, die ihr Leben meistern. Sie stehen mit beiden Füssen auf dem Boden und nehmen das Leben, wie es kommt, Tag für Tag. Es sind fröhliche Frauen. Manchmal auch traurige Frauen. Starke Frauen. Sie sind mutig. Nein, ich hatte das Leid nicht für mich gepachtet. Diese Frauen hatten vielleicht Kinder. Aber sie hatten noch einen ganz anderen Rucksack zu tragen. Wer es nicht weiss, merkt es vielleicht nicht mal.

Nein, ich war nicht "die Ärmste". Ich bin es auch jetzt nicht. Ich habe mein Päckchen zu tragen. Aber hat das nicht jeder?

Foto: Elaine

Elaine

lebt in der Schweiz. Sie liebt die Natur, besonders im Frühling. Sie mag Spaziergänge, Wanderungen, die Berge, das Meer, Bücher, Kunst, Flohmärkte, Brockenhäuser.

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