Elaine ohne Kind

Über den Abschied vom Kinderwunsch und das Leben danach

Freitag

10

März 2017

Schämt Euch nicht

von Elaine, über Abschied vom Kinderwunsch, Trauer, Isolation, Gesellschaft

Schämt Euch nicht für die Trauer, die Ihr fühlt.
Schämt Euch nicht für die Erschöpfung.
Auch nicht für die Wut, die hochkommt, weil das alles so ungerecht ist.

Wir schämen uns, weil uns ein Umfeld fehlt, in dem andere wissen, wie das ist, wenn man am Ende ohne Kinder dasteht. Niemand sagt uns, dass unsere Gefühle in Ordnung sind. Wir schämen uns, weil wir dazugehören wollen zu dieser familienzentrierten Welt, weil wir nach ihren Regeln zu funktionieren versuchen und es doch sehr oft nicht können. Auch wenn vermutlich viele von uns zu sehr guten Schauspielerinnen geworden sind und es perfekt beherrschen, jemandem lächelnd zu gratulieren, während unser Herz einmal mehr in tausend Stücke zerbricht.

Schämt Euch nicht, wenn Ihr Zeit braucht. Für Euch, um zu heilen, um zurück zu Euch selbst zu finden. Seid stolz auf Euch und Eure Liebe, die die Basis bildet für all diese negativen Emotionen und Gefühle. Es ist die Liebe zu Euren Wunschkindern. Eine Liebe, die viel auf sich genommen hat, die Euch dazu veranlasst hat, bis an die Grenzen von allem zu gehen, was Ihr einmal geglaubt und gehofft habt. Eine, die liebt, ohne ein Gegenüber zu haben. Trauern kann nur, wer geliebt hat. Also seid stolz auf Euch.

Scham ist die Angst, zurückgewiesen und abgelehnt zu werden. Weil man eben nicht das tut oder tun kann, was erwartet wird oder von dem man denkt, es würde erwartet. Die Scham lässt uns unser inneres Selbst sorgsam verstecken und verbergen. Scham ist Angst. Angst, nicht geliebt, nicht in den Arm genommen zu werden, nicht dazuzugehören, genau dann, wenn wir es am dringendsten brauchen.

Scham hält uns auf Distanz zu unseren Lieben. Weil wir unser Inneres nicht mit ihnen teilen. Seid mutig. Teilt Eurem Schmerz. Natürlich müsst Ihr die Perlen nicht vor die Säue werfen. Ihr wisst schon, wer Eure tiefste Wahrheit zu schätzen weiss und Euer Vertrauen wert ist. Wenn Ihr Euer Innerstes mitteilt, dann entsteht Nähe. Und die Nähe vertreibt die Scham.

Wenn die Liebsten nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, dann sagt ihnen, dass es okay ist, es nicht zu wissen. Sagt ihnen, was Ihr braucht. Was Ihr Euch wünscht. Was Euch gut tun würde. Dass es reicht, wenn sie Euch in den Arm nehmen. Wenn sie Euch zuhören, ohne etwas zu sagen. Zögert nicht, Eure Wünsche zu äussern. Ob Ihr zum Kindergeburtstag eingeladen werden möchtet oder nicht. Ob Ihr eine Geburtsanzeige zugeschickt haben möchtet oder nicht. Die, die Euch gern haben, kommen solchen Bitten nur zu gerne nach.

Am schwersten ist es am Anfang, wenn alles roh und offen ist. Mit der Zeit wird es leichter. Man wird mutiger. Ist nicht mehr ganz so empfindlich.

Unsere Wahrheit muss gehört werden. Wie soll sich sonst jemals etwas verändern?

Foto: Elaine

Elaine

lebt in der Schweiz. Sie liebt die Natur, besonders im Frühling. Sie mag Spaziergänge, Wanderungen, die Berge, das Meer, Bücher, Kunst, Flohmärkte, Brockenhäuser.

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