Elaine ohne Kind

Über den Abschied vom Kinderwunsch und das Leben danach

Wednesday

07

June 2017

Über die Angst

von Elaine, über ungewollte Kinderlosigkeit, Abschied vom Kinderwunsch, Tabu

Über die Angst

Heute möchte ich etwas thematisieren, von dem kaum jemand spricht: die Angst. Dafür nehme ich Euch mit zurück in die Zeit, als ich mich noch auf dem Kinderwunschweg befand.

Für mich bedeutete Angst damals, dass ich auf keinen Fall kinderlos bleiben wollte, aber auch, dass eine reproduktionsmedizinische Behandlung für mich - zumindest am Anfang - nicht in Frage kam. Weil ich mir das so überhaupt nicht vorgestellt hatte! Ohne es zu wissen, hatte ich ziemliche Scheuklappen! Ich informierte mich nicht über die "andere Abzweigung". So hatte ich eine sehr undifferenzierte Vorstellung davon, wie ein Leben ohne Kinder denn sein würde. Rückblickend erkenne ich, dass das wohl nicht besonders hilfreich war. Und darum schreibe ich diesen Text heute auch. Damit andere, die nach mir diesen Weg gehen, vielleicht eine bessere Idee davon haben :-).

Die Angst war nicht von Anfang an da. Aber irgendwann wurde sie doch so gross, dass ich rückblickend in meinem Interview im Wonderland nicht etwa "das Ende" unseres Kinderwunschweges als den schlimmsten Moment bezeichnete, sondern eine Silvesternacht mitten drin bzw. im ersten Sechstel unseres Kinderwunschweges.

Warum war diese Nacht so schlimm für mich? Ich war zwei Wochen davor zum Routineuntersuch bei der Frauenärztin gewesen. Sie hatte mich gefragt, ob ich einen Kinderwunsch hätte, was ich bejahte. Woraufhin sie mich ein bisschen eingehender untersuchte. Dort begann die Angst zu keimen. Weil sie einen Verdacht äusserte, der sich später bewahrheiten sollte, ein einziger Faktor nur in einem komplexeren medizinischen Universum zweier Menschen, die sich ein Kind wünschen, aber trotzdem. Das machte mir Angst. Zweifel schlichen sich ein. Würde ich nicht auf natürlichem Wege schwanger werden können? Die Frauenärztin war nicht gerade behutsam. Zack - befand ich mich schon draussen vor der Tür, während mein Innerstes Kopf stand. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Mein Zyklus dehnte sich zu dem Zeitpunkt ins Endlose; ich musste um die Feiertage herum mehrere Schwangerschaftstests machen - alle negativ. Ihr wisst, was negative Schwangerschaftstests in einem auslösen können. Man versucht nicht zu hoffen. Und man tut es doch. Ist enttäuscht. Traurig. Dann war da diese aufkeimende Ahnung davon, dass es nicht klappen könnte, nicht klappen würde, jedenfalls nicht ohne medizinische Hilfe. Für mich undenkbar und doch begann ich dies bereits in Erwägung zu ziehen, auch wenn ich noch sehr viel Zeit brauchen sollte (und mein Mann noch viel mehr), bis weitere Abklärungen ein Thema wurden. Weil das erste Jahr noch gar nicht ganz um war, und vielleicht würde es ja doch noch "einfach so" klappen? Erste Spannungen zwischen meinem Mann und mir, der meine Verzweiflung nicht verstehen konnte. Meine Hormone spielten komplett verrückt, was vielleicht auch mit ein Faktor war, vermutlich sogar ein recht grosser. Und dann das Jahresende, wo man doch gehofft hatte, man wäre zu dem Zeitpunkt schon schwanger... Vor dem Hintergrund verkündete mir eine Freundin - an Silvester, um Mitternacht, beim Anstossen - dass sie ein Kind erwartete. Sie, die erst nach mir versucht hatte schwanger zu werden. Wo blieb die Gerechtigkeit? Ich war wie erstarrt. Und gleichzeitig tat ich nach aussen das, wovon ich dachte, es würde von mir erwartet: ich gratulierte. Tat so, als freute ich mich. Und dann weinte ich die ganze Nacht. Ich tat kein Auge zu. Das schlimmste Silvester meines Lebens. Und das ist nicht übertrieben. Seither war ich an keinem anderen Silvester so verzweifelt, weder später auf dem Kinderwunschweg, in der Behandlungszeit oder im Abschied vom Kinderwunsch. Verrückt, nicht?

Was danach kam - die weiteren Abklärungen, meine Operation, die vielen Arzttermine, das Hoffen und Bangen, die Spritzen... Objektiv gesehen wäre das alles vielleicht "schlimmer" gewesen als das, was ich in jener Nacht durchgemacht hatte. Aber emotional erwischte es mich nie mehr so krass wie damals. Warum war das wohl so?

Ich glaube rückblickend, dass es die Angst war, die mir damals die Nacht zur Hölle gemacht hat, gepaart mit einer ersten Trauer, dass wir noch nicht schwanger waren, während das meiner Freundin so einfach gelungen war. Und Neid, auch wenn ich ihn nicht als solches fühlte. Irgendwo im Gefühlsgewirr war er vermutlich doch mit drin. Ich hatte mir nie vorstellen können, reproduktionsmedizinische Massnahmen ergreifen zu müssen. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich das abgelehnt, solange ich davon ausging, dass es bei uns auf natürlichem Wege klappen würde. Wenn andere medizinische Hilfe in Anspruch nahmen, war das in Ordnung. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dies an meinem eigenen Körper zu tun. Das war eine Hürde, und nicht eine kleine.

Es gab da ein Paar in meinem weiteren Bekanntenkreis, von dem allgemein bekannt war, dass es während mehrerer Jahre nicht schwanger geworden war. Damals stellte ich mir das unfassbar schwierig vor. Ich sagte sogar "das könnte ich nicht", ohne jemals mit ihnen darüber zu sprechen oder genauer zu wissen, wie es ihnen damit ging. Mein Denken war völlig Schwarz-Weiss: Schwangerschaft = Glück. Kinderlosigkeit = Unglück. Ist es also ein Wunder, dass mich das Ganze so aus der Fassung brachte? Soviel zum Thema "Glaubenssätze" (soo ein tolles Wort - danke dafür, liebe Blüte!).

Ich hatte nicht weitergedacht als bis zum Schwangerwerden. Also, was das Kinderkriegen angeht, hatte ich mich durchaus mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich las den Mama-Blog des Tagesanzeigers, ziemlich oft sogar. Ich führte sehr interessierte Gespräche mit Arbeitskolleginnen, die Kinder hatten. Für diese Abzweigung wäre ich also recht gut gewappnet gewesen. Aber ich hatte keinen Plan B bereit für den Fall, dass es nicht klappen sollte. Ich dachte bis zur Empfängnis, und falls die nicht eintreffen sollte - keine Ahnung - dahinter war irgendwie nur ein schwarzes Loch von Nichts. Meine Phantasie fand hier keine Worte, nur viele Gefühle und namenlose Befürchtungen. Und genau hier möchte ich heute ansetzen - weil ich inzwischen weiss, was sich hinter der anderen Abzweigung befindet. Ein schwarzes Loch ist es nicht. Aber dazu später mehr.

Einen jahrelangen Kinderwunschweg stellte ich mir sehr schwer vor. Das war also schon mal Angst Nummer 1. Und Angst Nummer 2 war dann die endgültige Kinderlosigkeit.

Beides ist eingetroffen. Und beides war nicht unbedingt lustig. Aber wisst Ihr was? Es war nicht annähernd so schlimm, wie ich befürchtet hatte! Ja, ich war oft traurig. Ja, es war belastend. Aber rechtfertigte dies die Verzweiflung jener Silvesternacht? Ganz ehrlich? Ich glaube nicht. Es gibt mich immer noch. Ich bin nicht gestorben. Mein Mann und ich sind immer noch zusammen. Auch bin ich nicht völlig isoliert. Meine Agenda ist zuweilen fast zu voll. Das war in der Trauer nicht der Fall, aber jetzt wieder. Sehr sogar. Ich lebe also. Und ich lebe gut!

Daher möchte ich es Euch allen sagen, die Ihr vielleicht noch auf dem Kinderwunschweg seid und Angst habt, ihn zu verlassen, trotz aller Mühen und grossem Kräfteverschleiss: es ist nicht das Ende. Es ist NICHT das grosse schwarze Loch, wo man ins Bodenlose fällt. Es kann durchaus eine Krisenzeit sein in einem Leben. Weil man trauern und loslassen muss. Aber wir alle hatten schon schwere Zeiten. Trennungen. Todesfälle. Freundschaften, die auseinandergingen. Wünsche, die sich nicht verwirklichen liessen. Und vielleicht werden da noch andere solche Zeiten kommen. Wir haben sie bis jetzt überstanden. Und wir werden sie auch inskünftig meistern. Manchmal mit ein bisschen Hilfe. Aber auch das ist keine Schande :-).

Ich habe intensiv getrauert. Das kommt wohl daher, dass ich Emotionen generell sehr intensiv lebe. Das ist meine Art - nicht immer besonders angenehm, aber so ist das nun mal. Andere trauern vielleicht weniger intensiv. Jeder Mensch ist anders. Auf jeden Fall möchte ich sagen, dass diese schlimme Angst sich so überhaupt ganz und gar nicht gelohnt hat. Sie hat die Sache nicht einfacher gemacht. Wenn, dann nur schwieriger.

Schaut, im Leben können uns ganz viele Dinge passieren. Mir sind schon andere Sachen zugestossen, die schwierig waren. Die ungewollte Kinderlosigkeit ist tiefgreifend, denn sie beeinflusst den ganzen Rest unseres Lebens. Und doch ist die Verarbeitung des Ganzen ein Stück weit auch eine Phase. Ich habe die tiefste und heftigste Trauer überstanden. Es geht mir jetzt wieder gut. Es kann einem (wieder) gut gehen, auch ohne Kinder! Vielleicht ist das zu einem gewissen Zeitpunkt undenkbar. Für mich war es das auch. Daher schreibe ich es hier gleich doppelt so gerne. Wisst Ihr, woher das kommt, dass man denkt, ein glückliches Leben ohne Kinder sei nicht möglich? Das macht dieser Tunnelblick, dieses Alle-Kräfte-Auf-Das-Eine-Ziel-Setzen. Die Scheuklappen - uh ja, die hatte ich! Es braucht ein wenig Zeit, sich neu zu orientieren. Aber es geht!

Für mich war der Abschied vom Kinderwunsch ein sehr lohnender Prozess. Ich habe unendlich viel über mich selbst gelernt. Über mein Wesen. Das, was mich ausmacht. Das, was mir gut tut. Das, worin ich gut bin. Das, was das Leben (wieder) schön macht. Ich habe die sehr grosse Chance, mein Leben jetzt so zu gestalten, wie es für mich stimmt. Ich kann mich verwirklichen auf eine Weise, wie ich es ganz bestimmt mit Kindern nie gekonnte hätte. Das ist eine Tatsache, und inzwischen empfinde ich das als Geschenk. Für mich, und vielleicht wird es irgendwann auch zu einem Geschenk für meine Mitmenschen. Das war nicht von Anfang an so. Nur für den Fall, dass Ihr jetzt denkt: Hä? Geschenk? Die verwechselt da wohl etwas? Nein, ich verwechsle gar nichts. Ich bin nur meinen Weg gegangen, und der hat mich weitergeführt, ein wenig weg vom Kinderwunsch und hinein in etwas, was vielleicht meine Bestimmung ist, auch wenn ich mir das nicht so vorgestellt hatte.

Falls Euch also jetzt die Angst umtreibt, dann sagt zu ihr, dass Ihr ihre Bemühungen und Bedenken sehr zu schätzen wisst. Sie will Euch ja nur beschützen, und das ist nett, nicht? Aber sagt ihr auch, dass Ihr das schafft. Was werdet Ihr schlimmstenfalls tun? Falls es Euch wirklich schlecht gehen sollte? Zur Psychologin gehen? Einen Eheberater aufsuchen? Oder etwas anderes "Undenkbares"? Wäre das wirklich so schlimm? Lasst Euch im Kinderwunschzentrum die Nummer einer Fachperson geben - ich habe das so gemacht und war froh darum! Ach, war das beruhigend.

Ihr werdet (wieder) glücklich sein, auch wenn/falls Ihr keine Kinder bekommen könnt. Ja, Ihr werdet vielleicht trauern. Und möglicherweise wird das alles eine Weile dauern. Aber Euer Leben wird wieder schön sein. Irgendwann. Es wird Sinn haben. Es wird eine Freude sein. Für Euch und diejenigen um Euch herum.

Foto: Elaine

Elaine

lebt in der Schweiz. Sie liebt die Natur, besonders im Frühling. Sie mag Spaziergänge, Wanderungen, die Berge, das Meer, Bücher, Kunst, Flohmärkte, Brockenhäuser.

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