Definitionen
von Elaine, über Leben, Ungewollte Kinderlosigkeit, Gesellschaft

Noch versuche ich, wieder meine Mitte zu finden. Die Arbeit nahm in letzter Zeit viel Raum ein. Umso mehr freue ich mich auf die kommenden Wochen. Die grosse Sache, die ich alle zwei Jahre organisiere, ging auch diesmal gut über die Bühne. Dafür bin ich dankbar. Spätestens Ende September sollte mein Leben wieder in geordneteren Bahnen verlaufen.
Normalerweise blockiere ich mir in solchen Phasen gezielt Erholungstage im Kalender. Ganz vermeiden liessen sich gewisse Termine jedoch nicht. Im Nachhinein merke ich, dass es nicht Begegnungen waren, die mir Kraft gaben, sondern an mir zehrten.
Zwei Erlebnisse sind im Kontext der ungewollten Kinderlosigkeit erwähnenswert. Es waren Treffen mit “bekinderten” Menschen in Familie und Freundeskreis. Zuerst machten wir einen Ausflug mit Freunden, die zwei Teenager-Töchter haben. Obwohl wir sie sehr mögen, die Aktivität toll und das Essen lecker war, gingen sowohl mein Mann als auch ich mit komplizierten Gefühlen nach Hause.
Beide Elternteile sind beruflich stark eingebunden; die Töchter wechselten in den Sommerferien nahtlos von Sportlager zu Pfadilager zu Familienurlaub zu Ferien mit Freunden und ein paar Tagen bei den Grosseltern. Sie wirkten durchaus zufrieden. Die Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Ich merkte: diese Familie ist gut bedient mit allem. Mit Freunden, mit sportlicher Fitness, mit beruflichem Erfolg und Finanzen. Das ist schön zu sehen. Und doch bleibt ein “Aber”.
Mein Mann meinte hinterher, er sei es sich gewohnt nicht dazuzugehören. Und ich glaube, das benennt auch einen Teil meines Schmerzes. Zu merken, dass diese Menschen auf einem Karussell reiten, das uns fremd ist. Ihr Leben ist temporeich und voll. Wo oder wie passen wir überhaupt noch dazu?
Da wir kaum zum Reden gekommen waren, fragte ich meine Freundin hinterher, ob sie bei Gelegenheit Zeit und Lust auf ein Telefonat hätte. Sie freute sich darüber, weil ihr dies ebenfalls gefehlt hatte. Das macht im Nachhinein einiges wieder wett. Stichwort: “Verbundenheit”. Diese hatte auf unserem Ausflug irgendwie gefehlt. Das benennen zu können, hilft!
Ein paar Wochen später wurden wir innerhalb der Familie eingeladen, ein neues Eigenheim zu besichtigen. Es besticht mit einer tollen Aussicht und einem relativ grossen Garten. Ich freue mich für die junge Familie. Der Besuch war aber gleichzeitig auch schwierig. Eines der Kinder schrie praktisch nonstop wie am Spiess. Als wir eintrafen, kamen sie gerade vom Dorffest zurück. Die Kinder waren überreizt. Rein akustisch wurden es herausfordernde Stunden.
Mein Mann und ich waren froh, als wir nach Hause konnten. Und sind uns einig, dass wir bis zu einem nächsten Besuch mehrere Jahre verstreichen lassen möchten. Die Zusammenfassung in diesem Fall: beide Eltern berufstätig, karriereorientiert und sportlich, zwei kleine Wunschkinder. Aber irgendwie geht das Ganze nicht auf. Die Grosseltern können aus gesundheitlichen Gründen keine Enkel mehr betreuen. Also verbringen die Kinder viel Zeit in der Kita. In diesem Jahr ist die Familie nicht nur umgezogen, sondern hatte allerlei Stress mit der Baustelle, juristischen Scherereien wegen Baumängeln und, als wäre das nicht genug, traten beide Elternteile neue Arbeitsstellen an. Anspruchsvolle Stellen, bei denen lange und sehr volle Arbeitstage keine Seltenheit sind. Nach aussen sieht das aus wie Erfolg. Tolle Jobs, gute Löhne, zwei Kinder, sportlich, ein Eigenheim. Auf der Liste ist alles abgehakt. Und doch würde ich niemals tauschen wollen. Denn was mir entgegenkam, war nicht unbedingt Zufriedenheit oder ein Im-Moment-Sein mit den Kindern. Im Gegenteil. Mir wurde plötzlich klar, dass man “alles haben” und dabei nicht wirklich glücklich sein kann.
Ich bin ja schon länger der Meinung, dass insbesondere uns Frauen eine Lüge verkauft wurde. Es wurde uns gesagt, wir könnten alles erreichen: Selbstverwirklichung, Karriere, eine erfüllte Ehe, Kinder, Sport, Geld, Haus, Urlaub. Nur geht das Ganze am Ende nicht ganz auf. Wo die Bedürfnisse der Eltern im Vordergrund stehen, leiden die Kinder. In diesem Fall essen beide Kinder nicht normal, das ältere Kind ist emotional dysreguliert und musste schon zur Psychologin; das jüngere Kind geht in die Physiotherapie. Zwischen den Eltern nahm ich eine deutliche Spannung wahr.
Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, war natürlich nicht alles perfekt. Das ist es nie. Und doch glaube ich, dass die emotionale Stabilität meiner Kindheit darauf zurückzuführen ist, dass meine Mutter ihre Bedürfnisse oft hintenanstellte. Aus der Sicht des Feminismus ist das alles andere als fair. Die Rollenbilder haben sich zum Glück verändert. Und doch geht die Rechnung auch heute (noch) nicht auf. Ich sehe selten, dass beide Seiten gleichermassen zurückstecken zugunsten der Kinder. Meist ist es doch die Frau und wenn nicht, dann geht es zulasten des Nachwuchses. Leider!
Am Ende stellen sich folgende Fragen: Was ist ein gutes Leben? Was ist Erfolg? Ist es Geld? Ist es ein Eigenheim? Sind es Nachkommen? Vordergründig vielleicht schon? Aber wenn ich hinter die Fassade blicke, denke ich sehr schnell anders.
Voraussetzung ist auf jeden Fall, dass das Geld zum Leben reicht. Aber Zufriedenheit hat für mich unter dem Strich wenig mit Finanzen zu tun. Auch nicht damit, alles zu bekommen, was man sich wünscht (zum Beispiel Kinder). Im Gegenteil scheint mir nach allem, was ich vor Jahren im beruflichen Umfeld beobachten konnte, dass es manchmal fast schwieriger ist glücklich zu sein, wenn man viel hat. Ein gelungenes Leben hat für mich mehr mit einer gewissen Balance zwischen den Dingen zu tun, mit sinnstiftenden Tätigkeiten, mit Gesundheit, mit lieben Menschen im Umfeld. Natürlich sind wir nie perfekt im Gleichgewicht. Stress lässt sich nicht immer vermeiden. Also bewegen wir uns auf einem Spektrum hin und her wie auf einer Wippe. Mal haben wir mehr Stress oder mehr Sozialleben, mal weniger. Mal können wir mehr für unsere Gesundheit tun (Ernährung, Bewegung), mal weniger. Und das ist okay.
Wie definiert Ihr Erfolg?
Und was ist für Euch ein gutes Leben?
Ich bin gespannt auf Eure Gedanken.
Foto: Elaine
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