Elaine ohne Kind

Über den Abschied vom Kinderwunsch und das Leben danach

Dienstag

28

August 2018

Ein Tag mit meinem Patenkind

von Elaine, über Ungewollte Kinderlosigkeit, Heilsam, Gesellschaft

Letzthin hatte ich eines meiner Patenkinder bei mir. Zum allerersten Mal durfte es für einen ganzen Tag zum Gotti, inklusive Znüni, Mittagessen, Mittagsschlaf und Zvieri. Davor war das Mädchen auch schon ein paar Stunden am Stück alleine bei mir gewesen, aber nie so lange.

Es lief alles ganz reibungslos. Sie freute sich so sehr auf den Tag bei mir, dass sie aufgeregt am Eingang herumhüpfte, als sie ankam. Dann stürzte sie sich sofort auf die Spielsachen, die sie kennt und die ich jedes Mal am gleichen Ort für sie bereit lege.

Als sie dann am Abend wieder abgeholt wurde, war mir irgendwie merkwürdig zumute. Ich war müde und freute mich auf die Ruhe. Andererseits hatte die Kleine alles vorbildlich aufgeräumt, so dass für mich nicht mehr viel zu tun war. Ich freute mich darüber, mit ihr einen unbeschwerten Tag verbracht zu haben. Ganz gemächlich. Die Zeit mit ihr hatte mich irgendwie entschleunigt. Wir besorgten zum Beispiel ein paar Dinge für das Mittagessen, die sie mag - im Kindertempo. Mit ihr in ein Geschäft zu hetzen, wäre gar nicht möglich. Es geht alles langsam. Als wir assen, war ich längst fertig und sass dann eine Weile da, um dem Patenkind zuzusehen, wie es auch noch fertig ass. Das tat irgendwie gut. Nicht sofort aufzustehen und alles wegzuräumen. Voll da zu sein, nicht noch nebenher nach irgendetwas auf dem Handy zu gucken.

Ich dachte immer, Eltern sein wäre stressig. Ich vermute, das ist es auch, vor allem in Zeiten von Krankheiten, wenn die Kinder nicht durchschlafen oder auch die Logistik, wenn man als Mutter noch auswärts einer Arbeit nachgeht. Mit mehreren Kindern erst recht. Das morgendliche und abendliche Bringen und Holen stelle ich mir anstrengend vor. Und doch: ich hatte vergessen, wie entspannend es ist, einem Kind beim Basteln zu helfen. Ihm dabei zuzusehen, wie es die Puppe neu anzieht. Und vielleicht dadurch selbst nochmal so unbeschwert und konzentriert auf etwas zu sein, was im ersten Moment nicht “wichtig” scheint, weil es nur Spiel ist. Wie sehr bin ich doch im Alltag geprägt von To-do-Listen und ständigem Auf-Draht-Sein! Dem weniger Ernsthaften im Leben wieder ein wenig mehr Platz einzuräumen, das habe ich mir jetzt vorgenommen.

Der Tag war schön. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich das jetzt wieder geniessen kann. Über Jahre konnte ich das nämlich nicht (siehe auch hier)! Und doch ist es kein Ersatz für eigene Kinder. Das wird es nie sein. Ein Patenkind ist ein Patenkind. Punkt.

Foto: Elaine

Elaine

lebt in der Schweiz. Sie liebt die Natur, besonders im Frühling. Sie mag Spaziergänge, Wanderungen, die Berge, das Meer, Bücher, Kunst, Flohmärkte, Brockenhäuser.

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