Elaine ohne Kind

Über den Abschied vom Kinderwunsch und das Leben danach

Samstag

9

März 2019

Einer dieser Tage

von Elaine, über ungewollte Kinderlosigkeit, Gesellschaft, Trauer, Heilsam

Es gibt sie immer noch, die schwierigeren Tage. Nur kommen sie inzwischen so selten, dass ich schon fast verwirrt bin, wenn es mir mal nicht so gut geht. Kürzlich war so ein Tag. Und zwar ausgerechnet an meinem Haushalts-, Selbstfürsorge-, Garten- und Frische-Luft-Tag. Den habe ich seit diesem Jahr fix eingeplant, weil ich meinem Körper Gutes tun will. Normalerweise stehe ich da sehr wohlgemut auf, weil ich etwas länger schlafen kann und mir den Tag dann meist nach Lust und Laune einteile. Ein bisschen Arbeit ist immer dabei, aber eben auch Schönes.

Ich war von Anfang an irgendwie merkwürdig drauf. Zuerst schüttete ich das Teewasser daneben. Später waren es die Spaghetti, die am Boden landeten, und noch etwas später dann der Reibkäse. Die Musik, die ich normalerweise sehr mag, deprimierte mich nur. Ich mochte gar nicht an die frische Luft gehen. Mochte weder laufen noch spazieren gehen. Und etwas Gesundes für mich kochen schon gar nicht, dabei ist das seit Neujahr fast mein neues Hobby. Ich habe mich etwas näher mit meiner Erkrankung beschäftigt und einiges über Ernährung gelesen. Es gibt mir ein gutes Gefühl, weil ich meine Gesundheit ein Stück weit selbst in die Hand nehme, indem ich gut für mich koche. Das tue ich normalerweise sogar, wenn ich ganz alleine bin. Weil es Spass macht. Und sich mein Körpergefühl dadurch bereits positiv verändert hat. Ich hatte alle Zutaten da, und es wäre kein aufwendiges Menu gewesen. Aber es ging nicht. Ich versuchte mir ein Zufriedenheitsgefühl zu verschaffen, indem ich mit dem Frühlingsputz anfing und die Staubschicht ganz oben auf den Kleiderschränken entfernte. Das funktionierte ebenfalls nicht. Es war wie damals in der Trauerphase, ausser dass es diesmal nicht so ganz zu passen schien. Jetzt war es mir doch so lange gut gegangen. Ich sah gar keinen Anlass dafür, traurig und deprimiert zu sein.

Zum Glück hatte ich am späteren Nachmittag eine Massage gebucht. Das zwang mich zu duschen und aus dem Haus zu gehen. Unterwegs erreichte mich eine What’s App-Nachricht: ein Foto eines Neugeboren mit der entsprechenden frohen Botschaft. Ich freute mich und schrieb zurück. Dann weinte ich. Endlich verstand ich, warum mein Tag so merkwürdig gewesen war. Und konnte mir gegenüber etwas liebevoller sein.

In den letzten Jahren habe ich eine Art siebten Sinn entwickelt. Ich weiss oft, wenn Frauen schwanger sind, bevor sie es mir sagen. Genauso ahnte wohl mein Unterbewusstsein bereits von dieser Geburt, bevor man mich offiziell darüber informierte. Das wundert mich inzwischen nicht mehr, obwohl es im Grunde doch recht erstaunlich ist.

Es wurde leichter, nachdem ich geweint hatte. Und, da ich die Masseurin schon eine Weile kenne, nachdem ich auch mit ihr darüber gesprochen hatte. Weil sie mich witzigerweise genau darauf ansprach, wie es mir mit der Trauer so gehe. Das hat sie noch nie gefragt. Vielleicht hat sie es gespürt. Die Massage war denn auch anders als sonst. Irgendwie tröstlich.

Am Abend ging ich ins Pilates, und danach war meine Welt wieder in Ordnung. Was mich dankbar macht, denn früher hatten solche Phasen Tage oder gar Wochen dauern können.

Wie ist das bei Euch?

Foto: Elaine

Elaine

lebt in der Schweiz. Sie liebt die Natur, besonders im Frühling. Sie mag Spaziergänge, Wanderungen, die Berge, das Meer, Bücher, Kunst, Flohmärkte, Brockenhäuser.

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