Elaine ohne Kind

Über den Abschied vom Kinderwunsch und das Leben danach

Donnerstag

31

März 2022

Mein Körper und ich

von Elaine, über Ungewollte Kinderlosigkeit, Endometriose, Reproduktionsmedizin, Selbstfürsorge

Wie geht es Euch mit Eurem Körper?
Habt Ihr eine gute Beziehung zu ihm?

Bei mir ist es kompliziert.
Aber zum Glück ist es schon sehr viel besser geworden.

Vielleicht sollte ich in der aktiven Kinderwunschzeit anfangen. Etwas naiv hatte ich davor die Pille benutzt, um zu verhüten. Ich hatte ja keine Ahnung gehabt, dass es so schwierig oder gar unmöglich sein würde, eine Schwangerschaft herbeizuführen. Mir war auch nicht bewusst, wie sehr künstliche Hormone in den Organismus eingreifen. Wie sehr sie den ganzen Hormonhaushalt durcheinanderbringen können. Erst viel später sollte ich versuchen, das Ganze auf natürliche Weise wieder ins Lot zu bringen.

Als ich die Pille absetzte, begann sich mein Körper, vor allem die Bauchregion, höchst seltsam aufzuführen. Ich verspürte manchmal ein Ziehen oder Stechen im Unterleib. Ich schob es darauf, dass mein Zyklus sich nach dem Absetzen der Hormone erst wieder einpendeln müsse. Ich hatte unregelmässige und teilweise endlose Zyklen. Meine Frauenärztin machte einen Ultraschall; plötzlich stand die Diagnose PCO-Syndrom im Raum. Inzwischen weiss ich, dass dies nach dem Absetzen der Pille gar nicht so selten ist. Bei mir verschwand es mit der Zeit, doch damals verunsicherte es mich enorm.

Wir warteten und versuchten es weiter. Die Jahre vergingen und es wollte sich einfach keine Schwangerschaft einstellen. Wir liessen uns untersuchen. Ich nahm eine Laparaskopie auf mich, einen Eingriff, bei dem durch kleine Schnitte durch die Bauchdecke Kameras und Instrumente in den Bauchraum eingeführt werden. “Minimal-invasiv” nennt sich das, aber ganz so harmlos, wie es klingt, ist es nicht. Um eine OP handelt es sich nämlich trotzdem. Und wenn etwas entfernt wird (wie bei mir), entstehen auch entsprechende Wunden und Narben! Ich erhielt die Diagnose Endometriose. Was diese wirklich bedeutet, sollte mir erst Jahre später bewusst werden. Wir begaben uns in Behandlung.

Rückblickend macht mich traurig, was ich meinem Körper angetan habe. Er hatte gerade mal ein paar Wochen Zeit, um sich von der OP zu erholen. Bei der ersten Periode ging es los mit den ständigen Vaginalultraschallen, Hormonspritzen, Pillen und endlosen Klinikbesuchen. Nicht nur musste mein Körper gleichzeitig versuchen zu heilen und die Narkosemedikamente auszuscheiden, er bekam immer neue “Drogen” zugeführt und wurde ausserdem grossem Stress ausgesetzt. Vor jedem Arzttermin war ich nervös! Das konnte ich nicht abstellen. Heute weiss ich, dass die Stresshormone auch einen Einfluss auf die Sexualhormone haben. Im menschlichen Körper hängt alles zusammen!

Es klappte immer noch nicht mit dem Schwanger-Werden. Ein Jahr lang setzte ich mich fast ununterbrochen diesem enormen Druck aus. Ich versuchte meine reproduktionsmedizinischen Bemühungen vor meinem Arbeitsumfeld zu verbergen, was nicht einfach war!

Ich bekam Herzrasen beim Zu-Bett-Gehen. Abends, beim Zähneputzen, war ich plötzlich nervös wie vor einer Prüfung. Ich hatte Schlafprobleme, belastende Blähungen und tickte emotional völlig aus.

Mein Mann erkannte, dass ich meine Grenzen überschritten hatte. Wir beendeten die Behandlung. Die darauffolgende Trauer habe ich hier auf dem Blog intensiv verarbeitet; ich möchte daher nicht weiter darauf eingehen. Was aber klar ist: Trauer ist Stress für den Körper, denn Psyche und Körper hängen zusammen. Die Schlafprobleme verschärften sich. Nach einem halben Jahr war ich ständig krank. Und ich merkte, dass ich auf meine Psyche aufpassen musste. Meine Hausärztin verschrieb mir ein Medikament, damit ich schlafen konnte. Das half mir, weiterhin zu funktionieren. Ich konnte zur Arbeit gehen. Etwas später konnte ich mit der berufsbegleitenden Ausbildung einen neuen Fokus finden. Die emotionale Heilung begann.

Erst nachdem der emotionale Teil überstanden war, konnte ich mich meinem Körper zuwenden. Ich ging zur Massage, zur Atemtherapie, begann mit Pilates. All das half mir, um wieder eine Verbindung mit meinem Körper aufzunehmen. Ich erlernte Übungen, um mein völlig angespanntes Zwerchfell zu entspannen. Jetzt, nach zwei Jahren Atemtherapie, merke ich, dass ich meinem Körper und vor allem dem Bauchraum freundlicher gegenüberstehe. Mir wird bewusst, wie sehr mein Körper gelitten hat. Langsam wächst mein Vertrauen darauf, dass mein Körper mir Signale senden will und nicht einfach sinnlos lästige Dinge macht. Ich lerne mit ihm zu kommunizieren. Wenn die Verdauung nervös wird, kann ich ihr mit tiefen Atemzügen signalisieren, dass alles in Ordnung ist. Wenn ich Krämpfe und Menstruationsbeschwerden habe, lege ich mich auf den Rücken, lege die Fusssohlen aneinander und klappe die Knie nach aussen. Durch die Beckenbodendehnung entspannt sich der gesamte Bauchraum! Falls Ihr Krämpfe habt und diese Übung noch nicht kennt, probiert sie doch einmal aus. Das wirkt sogar bei Bauchschmerzen durch Blähungen ;-).

Nach all den Jahren setzte ich im August sämtliche Medikamente ab. Die Hormone, die ich mangels Alternativen zur Unterdrückung der Endometriose genommen hatte. Die Tabletten, die ich zum Schlafen sieben Jahre lang gebraucht hatte. Ich versuche mich jetzt entzündungshemmend zu ernähren und natürlich über die Ernährung zu entgiften. Schmerztabletten nehme ich nur noch im Notfall. Lieber sind mir da diverse Tees, die man bei Frauenleiden trinken kann.

Meine Prioritäten haben sich verschoben. Vom Aussen ins Innen. Ich habe keine Lust mehr, Tabletten zu schlucken, um zu funktionieren. Ich möchte mehr auf meinen Körper hören. Die Signale ernst nehmen, die er mir sendet. Wenn ich nicht schlafen kann, war ich vielleicht zu spät abends noch am Bildschirm, habe zu viele schlechte Nachrichten konsumiert oder war nicht an der frischen Luft. Wenn ich Bauchkrämpfe habe, möchte ich mich entspannen und meinem Körper Gutes tun können.

Dies ist erst ein Anfang. Aber ich habe das Gefühl, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Wie wunderbar wäre es doch, wenn mein Körper und ich zu einem richtig tollen Team würden? Er tut so viel für mich. Da möchte ich im Gegenzug gerne auf ihn hören und ihm Sorge tragen.

Als sich kürzlich die Periode ankündigte und ich merkte, wie mein Unterleib zu krampfen zu begann, sagte ich innerlich zu meiner Gebärmutter: “Du Arme, du musst jetzt ganz fest arbeiten, gell?” Ich merkte, wie viel liebevoller ich mich ihr jetzt zuwenden kann als noch vor ein paar Jahren. Damals waren sich mein Bauch und ich durch Behandlung und Trauer ganz fremd geworden. So macht mich diese Veränderung heute dankbar. Es fühlt sich nach Versöhnung an. Nach Integration von dem, was schwierig war. Nach Heilung, die über den Körper auch auf die Seele wirkt.

Wie ist das bei Euch?

Foto: Elaine

Elaine

lebt in der Schweiz. Sie liebt die Natur, besonders im Frühling. Sie mag Spaziergänge, Wanderungen, die Berge, das Meer, Bücher, Kunst, Flohmärkte, Brockenhäuser.

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