Elaine ohne Kind

Über den Abschied vom Kinderwunsch und das Leben danach

Mittwoch

20

April 2022

Ein Interview zum Muttertag

von Elaine, über Muttertag, Ungewollte Kinderlosigkeit, Frauen ohne Kinder, Vorbilder, Interviews

Ihr Lieben,

schon bald steht der Muttertag wieder vor der Tür. Ein Tag, der für viele von uns nicht einfach ist. Auch mir ging das vor ein paar Jahren noch so. Ich habe mir daher etwas Besonderes für Euch ausgedacht: Ich bat eine Expertin zu “unserem” Thema um ein Interview – und sie hat zugestimmt :-)! Ich wünsche gute Lektüre und schon jetzt viel Mut und Selbstzuwendung für diesen besonderen Tag.

Herzlich,
Elaine


Vielen Dank, liebe Jeannine, dass ich mit dir anlässlich des Muttertags dieses Interview führen darf! Es freut mich sehr, dass du uns an deinem Wissen und deinen Erfahrungen teilhaben lässt.

Ich möchte dich meinen Leser:innen kurz vorstellen: Du bist psychologische Beraterin mit Praxis in Bern. Du begleitest Frauen und Paare in der Kinderfrage und führst eine Gesprächsgruppe für Frauen ohne Kind. Zudem bist du Autorin des Sachbuches «Was wir in die Welt bringen – Frauen zwischen kinderlos und kinderfrei».

Was bewog dich dazu, dieses Buch zu schreiben?

In einer mit Freundinnen gegründeten Gesprächsgruppe für Frauen ohne Kind hörte ich von vielen berührenden Wegen mit der Kinderfrage und einem allfälligen schmerzhaften Abschied davon. Obwohl die Frauen aus unterschiedlichen Gründen kinderlos waren, beobachtete ich Parallelen im Erleben des Frauseins, von Partnerschaften ohne Kind oder in Reaktionen aus dem Umfeld der Frauen. Das interessierte mich und es entstand die Idee, diese und weitere Frauenwege ohne Kind zu sammeln und anderen Frauen und Paaren zugänglich zu machen. Dabei standen für mich die Sensibilisierung für Lebensentwürfe jenseits von Mutterschaft und ein ressourcenorientierter Blick darauf im Zentrum. In dem Sinne, dass jedes Leben auch ungelebte Anteile aufweist, auch das Leben einer Mutter. Dieses inklusive Denken zeigt sich auch in meinem Buchtitel, bei dem ich bewusst eine Metapher aus dem Kontext der biologischen Mutterschaft entlehnt habe. Das Bild des Gebärens, des Etwas-in-die-Welt-Bringens. Der Titel ist gleichzeitig die Lesart des Buches: Alle Menschen bringen etwas in die Welt, sei es auf biologischer Ebene oder in Form von Gedanken, Projekten, oder Werten als geistige Kinder.

Der Untertitel des Buches greift die beiden Pole “kinderlos” und “kinderfrei” auf. Wie unterscheiden sich die beiden Begriffe?

Die Begriffe werden in der heutigen feministischen Literatur verwendet. Hinterfragt man unsere Sprache kritisch, finden sich als Pendant zu Mutter oder Mutterschaft nur unzureichende Begriffe, die darüber hinaus negativ konnotiert sind. So beispielsweise «kinderlos», «keine Kinder», «ohne Kind». In meinem Buch war mir Sprachsensibilität im Zusammenhang mit dem Thema daher ein Anliegen. Die Begriffe «kinderlos» und «kinderfrei» stellen für mich die zwei Pole eines Kontinuums im Erleben einer Frau ohne Kind dar. Eine «kinderlose» Frau bedauert zutiefst, nicht Mutter werden zu können. Hier liegen vielleicht medizinische Hürden bei der Frau oder beim Partner, eine frauenliebende Orientierung oder das Fehlen einer (passenden) Partnerschaft vor. Eine «kinderfreie» Frau hingegen schätzt gerade den Freiraum für sich selbst, für ihre Projekte oder für die Partnerschaft durch die Tatsache, nicht Mutter geworden zu sein. Dazwischen gibt es viele Mittelpositionen, oder Frauen/ Paare, die einen ambivalenten Kinderwunsch haben. Ermutigend finde ich, dass ein Gefühl einer defizitären Kinderlosigkeit sich in der Auseinandersetzung mit dem Thema durchaus wandeln kann. Hin zum Gefühl der ressourcenorientierten Kinderfreiheit.

Du bist selbst eine Frau ohne Kind. Wo würdest du dich da einordnen?

Von mir selbst kenne ich den Prozesscharakter der Kinderfrage sehr gut. Ich hatte lange Jahre keinen Kinderwunsch, was unter anderem auch mit einem zweiten Studium, Befriedigung im Beruf und gemeinschaftlichem Wohnen zusammenhing. Erst mit einem neuen Partner ploppte der Kinderwunsch kurz vor 40 auf und war dementsprechend dringlich. Verschiedene Gründe, medizinische wie partnerschaftliche, führten schliesslich dazu, dass ich nicht Mutter geworden bin. Dies musste ich loslassen lernen und ein Teil in mir bedauert dies. Daneben lenkten neue Projekte und schliesslich die Begleitung von Frauen ohne Kind als meine Herzensangelegenheit meinen Blick auf das, was da ist, und somit weg von dem, was fehlt. Heute fühle ich mich mit dem Thema versöhnt und schätze meine Kinderfreiheit.

Welches sind die Themen, die deine Klientinnen und Klienten besonders beschäftigen?

Die Klientinnen und Paare kommen mit verschiedenen Anliegen zu mir. Da ist das Paar, sie kurz vor 40, das hin- und hergerissen ist in einem ambivalenten Kinderwunsch und eine Aussensicht sowie Orientierungshilfe sucht. Da ist die Frau mit dringlichem Kinderwunsch, die seit kurzem mit einem Partner zusammen ist, der bereits Kinder aus einer vorherigen Beziehung hat und die Familienplanung abgeschlossen hat. Soll sie den Kinderwunsch über die Paarbeziehung stellen und den Partner verlassen? Da ist die Frau mit der Erfahrung der Unzulänglichkeit ihres weiblichen Körpers, die zurückblickt auf diverse Operationen, Hormontherapien und reproduktionsmedizinische Erfahrungen. Ihr Vertrauen in den eigenen Körper ist erschüttert, sie hat Langzeitfolgen durch Eingriffe. Aus der Kinderwunschklinik wurde sie mit einem Telefonat entlassen, es habe leider wieder nicht geklappt. Da ist die Frau mit Migrationshintergrund um die 60, deren Freundinnen derzeit alle Grossmütter werden. Sie bearbeitet und betrauert die Kinderfrage erst in ihrem Alter, ausgelöst durch die Enkelkinder in ihrem Umfeld. Da ist schliesslich die Frau mit mehreren vorgeburtlichen Verlusten, für die unsere Gesellschaft keine Trauerrituale parat hält. Sie erzählt, dass die Wiege im Kinderzimmer schon mehrere Male bereitstand und sie mit ihrem Mann extra ins kinderfreundliche Reihenhaus auf dem Land umgezogen sei.

Nebst diesen Einzel- und Paarberatungen führe ich eine Gesprächsgruppe für Frauen ohne Kind, die sich einmal monatlich trifft. Nebst Tränen, die fliessen, wird auch gelacht. Die Gruppe hat einen ähnlich stärkenden Effekt, wie wenn Mütter auf dem Spielplatz andere Mütter in der gleichen Lebenssituation treffen. Jede versteht, was die andere erzählt und fühlt sich zugehörig.

Insgesamt ist der Abschied eines unerfüllten Kinderwunsches ein Nichtereignis, welches einen teils jahrelangen Trauerprozess auslösen kann. Obwohl kein Todesfall im Aussen ist vieles gestorben: ein Bild von sich selbst als Mutter, ein Lebensentwurf, allenfalls die Zugehörigkeit zu einem Freundeskreis oder zur Gesellschaft, das gemeinsame Dritte in der Partnerschaft. Es geht darum, sich zu verabschieden, loszulassen, sich neu zu orientieren und wieder Sinn und kurz- und langfristige Perspektiven zu finden.

Nun führen wir dieses Interview ja im Hinblick auf den Muttertag. Wie wir beide wissen, ist dies einer der schwierigeren Tage im Jahr für eine Frau, die gerne Mutter geworden wäre, der dies aber verwehrt blieb. Was macht diesen Tag so schwierig?

Ich denke, dass der Muttertag als Institution etwas über die gesellschaftliche Konnotation von Mutterschaft und die tradierte Rolle der Frau aussagt. Mutterschaft wurde vor noch nicht allzu langer Zeit mit dem Mutterkreuz staatlich ausgezeichnet. Der Archetyp der Mutter findet sich in unserer christlichen Kultur bereits in der Bibel und wird je nach Kontext bis heute glorifiziert. Ich finde es bezeichnend, dass der Muttertag sich als Feiertag hält, während die World Childless Week [Welt-Kinderlosenwoche] noch nicht in der Schweiz angekommen ist und auch der Vatertag weniger im Bewusstsein der Leute angekommen ist. So gesehen transportiert der Muttertag als Volksfeiertag die Botschaft, Mutterschaft sei ein Verdienst, sei die Lebensaufgabe der weiblichen Bevölkerung. In dieser Formel bleiben insbesondere ungewollt kinderlose Frauen aussen vor und fühlen sich unzulänglich, insuffizient und als ganze Frau infrage gestellt. Das kann sehr schmerzhaft sein, insbesondere in einem Umfeld, in dem viele Frauen Mütter sind.

Wie verbringst du selbst den Muttertag?

Im Kontext meiner Praxis nehme ich die Wochen rund um den Muttertag als Anlass, empowernde Anlässe für Frauen ohne Kind zu gestalten. Für mich persönlich hat der Tag inzwischen keine Kante mehr. Wenn er noch ein Feiertag ist, dann, um meine Unabhängigkeit und Freiheit mit anderen Frauen ohne Kind zu zelebrieren. Dies kann auch schon mal in Form eines Blumenstrausses für mich selbst sein.

Was würdest du den Blogleser:innen raten? Gibt es etwas, was sie tun können, um diesen Tag erträglicher zu machen?

Da kommt mir Selbstfürsorge in den Sinn. Je nach Situation kann der Tag tatsächlich triggern und schmerzen. Dann rate ich, gut und bereits im Vorfeld für sich zu schauen, was frau braucht. Sei es eine Einladung für die kinderlosen Freundinnen am Muttertag, sei es das mutige Absagen des Familienfestes bei der eigenen Mutter und den Geschwistern, die alle Kinder haben, sei es ein Wochenendkurzurlaub im Sinne von «ich bin dann mal weg», sei es ein fauler Tag im Bett mit Süssigkeiten und seichten Filmen. Meine Erfahrung ist, dass das aktive Gestalten wieder in die Kraft führt. Denn im bewussten Suchen nach stimmigen Formen positioniere ich mich und nehme mich und meinen Schmerz ernst.

Zum Schluss noch ein kleiner Ausblick auf einen Anlass deinerseits. Wer nämlich möchte, kann dich am 3. Mai um 18.00 in der Oase Bern sehen und hören.

Genau, ich habe ganz bewusst in der Woche vor dem Muttertag einen Anlass zum Thema Frausein/ Paarsein ohne Kind geplant. Nebst Gedanken zu einem gewollten oder ungewollten Leben ohne Kind, lese ich aus meinem Buch. Alle Interessierten sind herzlich willkommen!

Vielen Dank für dieses Interview!

=> Weitere Infos zum Anlass findet Ihr hier

PS: Hier geht es zu den älteren Muttertagstexten.

Foto: Elaine

Elaine

lebt in der Schweiz. Sie liebt die Natur, besonders im Frühling. Sie mag Spaziergänge, Wanderungen, die Berge, das Meer, Bücher, Kunst, Flohmärkte, Brockenhäuser.

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