Menschlichkeit
von Elaine, über Ungewollte Kinderlosigkeit, Gesellschaft, Endometriose

Erinnert Ihr Euch an die Geschichte mit dem Baby-Spam im Familienchat? Falls Ihr sie nachlesen möchtet, findet Ihr den Anfang hier (im fünften Absatz), den zweiten Teil hier (zweitletzter Absatz) und den dritten Teil hier (fünfter Absatz). Heute folgt der letzte Teil der Saga ;-).
Im Herbst nutzte ich ein paar Ferientage, um meine Geschwister in der alten Heimat zu besuchen. Unter anderem verbrachte ich eine Nacht bei meinem Bruder, nachdem er mich überraschend dazu eingeladen hatte. Eine Nacht, die schlaflos werden sollte, weil meine Nichte zahnte.
Im 2024 verspürte ich etwa ein halbes Jahr lang immer wieder Wut auf meinen Bruder und seine Frau, weil sie meiner Bitte, im Familienchat Rücksicht auf mich zu nehmen, explizit nicht nachkommen wollten. In der Folge ging ich etwas auf Distanz zu ihnen. Aus Selbstschutz. Bei meinem Besuch im letzten Herbst jedoch erhaschte ich einen Blick hinter die Kulissen, der meine Perspektive verändern sollte.
Ich möchte keine privaten Details über meinen Bruder und seine Familie ausbreiten. Das hier wird also etwas vage. Aber ein Abendessen und Frühstück bei ihnen reichte um zu realisieren, dass sie ziemliche Probleme haben. Meine Schwägerin schien unter Hochspannung zu stehen und meine kleine Nichte ebenso. Nach allem, was sie erzählte, war die Geburt kaum verarbeitet, und auch in der zweiten Schwangerschaft (meine Schwägerin war wieder hochschwanger) lief nicht alles optimal. Jedenfalls flossen Tränen. Nebst anderen, sehr offensichtlichen Themen, über die wir aber nicht sprachen. Ich ging mit einer guten Portion Mitgefühl von ihnen weg. Und mit der Ahnung, dass dies keine idealen Voraussetzungen waren für ihr zweites Kind, das wenige Wochen später zur Welt kommen sollte.
In den Herbstferien besuchte ich auch zwei meiner Schwestern, wovon eine ebenfalls ein kleines Kind hat. Der Unterschied war wie Tag und Nacht. Sie war entspannt; der kleine Sonnenschein nahm mich schon bald in Beschlag, wollte mir alles zeigen und mit mir spielen. Ich erfuhr, dass nicht nur ich Mühe mit dem Fotospam gehabt hatte, sondern zwei weitere meiner Schwestern ebenfalls. Dies, obwohl sie selbst Kinder haben!
Das beruhigte mich irgendwie. Es rückte die Dinge zurück an den rechten Platz. Am Ende sind wir alle nur Menschen. Diejenigen, die sich am rücksichtslosesten verhalten, sind zuweilen die mit den grössten Problemen.
Übrigens: Beim zweiten Kind (das zum Glück gesund ist!) sind die Intervalle zwischen den Fotos im Familienchat grösser geworden. Aber wenn es mir zu viel wird, lösche ich sie immer noch. Ohne schlechtes Gewissen. Bruder und Schwägerin sind nicht in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen. Also sorge ich selbst für mich. Ich melde mich auch nicht übermässig oft bei ihnen. Und das ist okay.
PS: Diese Doku über Endometriose hat mich sehr berührt. Es tut sich was, zumindest in Frankreich und Deutschland. Endlich!
Foto: Elaine
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