Elaine ohne Kind

Über den Abschied vom Kinderwunsch und das Leben danach

Dienstag

7

Mai 2019

Muttertagsworte

von Elaine, über Muttertag, Ungewollte Kinderlosigkeit, Frauen ohne Kinder, Trauer, Heilsam

Ihr Lieben, es ist Anfang Mai, und wir alle wissen, was das bedeutet. Bald steht uns ein Tag bevor, der für manche von uns schwierig ist: der Muttertag.

Das Herausforderndste an diesem Tag ist wohl die Omnipräsenz in den Medien, Geschäften und der Werbung. Und die Glorifizierung der Mutterschaft. Man kann dabei leicht das Gefühl bekommen, die einzige zu sein, die nicht Mutter geworden ist, obwohl man es sich doch so sehr gewünscht hatte. Die einzige zu sein, die an diesem Tag nicht gefeiert wird. Und das tut weh. Die Erinnerung daran, was man gerne erlebt hätte und geworden wäre, wird einem so richtig ins Gesicht geknallt - ausweichen ist an dem Tag schwer. Ihr seid damit allerdings nicht allein. Als “Beweis” nenne ich heute ausnahmsweise mal eine Zahl aus der Blogstatistik: im April besuchten weit über tausend verschiedene Nutzer “Elaine ohne Kind”. Das sind nicht wenige. Stellt Euch vor, wir wären alle zusammen in einem Raum. Wow! Das müsste ein richtig grosser Saal sein! Vielleicht hilft Euch dieses Wissen ein wenig dabei, Euch nicht ganz so einsam zu fühlen?

Im Mai letzten Jahres habe ich bereits den Link zu einem Gespräch zwischen Catherine-Emmanuelle Delisle und Isabelle Tilmant mit Euch geteilt. Da die beiden Französisch sprechen, konnten damals nicht alle davon profitieren, und so habe ich das Interview auf Leserwunsch runtergetippt und ins Deutsche übertragen. Es hat eine Weile gedauert - es war auch ein ganzes Stück Arbeit! -, aber nun habe ich es geschafft! Pünktlich zum Muttertag :-). Vielen Dank an dieser Stelle an Catherine-Emmanuelle von “Femme sans enfant” aus Kanada für ihre freundliche Erlaubnis dazu!

Beim Tippen des Gesprächs war ich teilweise den Tränen nah. Weil Isabelle Tilmant sehr deutliche und doch auch poetische Worte findet für das, was eine Frau, die ungewollt kinderlos ist, durchmachen kann. Dieser Text ist einer der längeren auf diesem Blog. Holt Euch also vielleicht einen Kaffee oder eine Tasse Tee und macht es Euch etwas gemütlich…


C.-E.D.: Heute stelle ich Euch Isabelle Tilmant vor, Autorin und klinische Psychotherapeutin aus Brüssel. Ich bewundere ihre Arbeit sehr und fühle mich daher geehrt, diese Unterhaltung mit ihr führen zu dürfen. Guten Tag Isabelle!

I.T.: Guten Tag Catherine-Emmanuelle.

C.-E.D.: Wie gesagt ehrt es mich sehr, dieses Gespräch mit Ihnen führen zu dürfen. Seit einigen Wochen korrespondieren wir per E-Mail, und Sie haben mir das Thema Muttertag vorgeschlagen. Mit der Veröffentlichung des Videos möchte ich den ungewollt kinderlosen Frauen in dieser schwierigen Zeit etwas anbieten, das ihnen gut tun soll.

Vor allem interessiert es mich, von Ihnen etwas über diese Trauer zu hören, die meiner Meinung nach reaktiviert wird, was diesen Tag so besonders schmerzhaft macht. Was haben Sie in Ihrer Praxis festgestellt?

I.T.: Der Muttertag ist absolut belastend für Frauen, die sich Kinder wünschen, aber keine bekommen können. Bei den Frauen, die bewusst kinderlos sind, ist es eine andere Geschichte. Für die Frauen, die darunter leiden, dass sie kein Kind haben, ist das aber höchst schwierig. Nicht nur der Tag selbst, sondern auch die Wochen davor, die Tatsache, dass dauernd davon die Rede ist, dass zum Beispiel in den Geschäften Blumen verschenkt werden, dass eine Frau der anderen einen schönen Muttertag wünscht, wenn sie gar nicht weiss, ob diese Kinder hat, als wäre es klar, dass sie welche hat. Das alles ist sehr belastend, und aus diesem Grund habe ich Ihnen vorgeschlagen, das Interview im Hinblick auf dieses Wochenende zu halten, denn ich habe gesehen, dass der Muttertag in Belgien und im Québec auf das gleiche Datum fällt.

Diese Trauer ist eine, die noch verkannt ist. Zwar anerkennt man die Trauer einer Frau, die keine Kinder haben kann, aber gleichzeitig kann sich niemand vorstellen, welche Qual das ist, wie unsagbar schwer es ist. Das ist wie ein Tsunami. Dieser Tsunami kann in verschiedenen Lebensphasen (wieder) auftreten. Eine Frau, die sich ein Kind wünscht und keines bekommt, wird ständig daran erinnert. Wenn sie eine Frau auf der Strasse antrifft mit Kindern im Schlepptau, oder eine, die schwanger ist, wenn sie fernsieht oder einen Film schaut, ständig, ständig, ständig. Es ist also eine Abwesenheit, die einem ständig vor Augen gehalten wird.

C.-E.D.: Absolut. Das löst eine starke Resonanz bei mir aus, denn ich glaube, dass das die Schwierigkeit dieser Trauer ist, dass sie ständig reaktiviert wird durch alles, was uns umgibt, durch die Personen, die wir treffen, sogar im Arbeitsumfeld können wir ständig daran erinnert werden. Ich zum Beispiel arbeite mit Kindern, ich stehe also im Dienste der Eltern, und das kann eine zusätzliche Schwierigkeit sein. Denken Sie, dass die sozialen Medien zur Verstärkung dieser Diskrepanz beitragen, die die Frauen am Muttertag erfahren?

I.T.: Der Muttertag reaktiviert bei den meisten Frauen einen Schmerz, auch bei denen, die Mutter sind. Es gibt tatsächlich diejenigen, die es geniessen, Mutter zu sein und dafür gefeiert zu werden. Aber es gibt auch die anderen, die wohl Mutter sind, aber nicht die Liebe erhalten, die sie sich an diesem Tag wünschen. Es ist wichtig zu wissen, dass in Wirklichkeit der Muttertag - genauso wie Weihnachten übrigens - ein äusserst belastender Tag ist für die meisten Frauen oder Personen mit oder ohne Kinder.

Für die Frauen, die unter ihrer Kinderlosigkeit leiden, ist der Hype in den Medien tatsächlich eine Qual. Ich nenne diese Trauer auch “unmöglich”, nicht, weil sie unmöglich ist, aber weil sie ständig reaktiviert werden kann. Die Trauer ist ein Weg, mit sich selbst wieder Kontakt aufzunehmen, um wieder und wieder einen Blick auf das zu werfen, was diese Trauer beinhaltet. […] Diese Art der Trauer ist ein wenig… ich benütze oft das Bild der Wellen. Diese Wellen können sanfter oder anstrengender sein, sie können durch ihre Bewegung die Frau in einen bodenlosen Abgrund führen. Dieser bodenlose Abgrund kann sich auftun in dem Moment, in dem eine Frau realisiert, dass sie keine Kinder haben kann, oder aber in dem Moment, in dem sie sich denkt, dass sie vielleicht keine Kinder haben kann, oder in dem Moment, in dem sie kein Kind hat. Das ist etwas sehr Persönliches. Keine Trauer ist wie die andere. Zu den Wellen: in dem Moment, in dem Sie sich ganz unten im Wellental befinden, ist es unerträglich. Es ist wichtig zu wissen, dass es reicht da zu sein, sich von der Trauer durchdringen zu lassen, diese Trauer zu leben. Übrigens gibt es keine Möglichkeit, sie NICHT zu leben. Es ist etwas, das unausweichlich ist. Und da es unausweichlich ist, ist es wichtig, dies anzunehmen, im Wissen, dass es vielleicht oder sogar wahrscheinlich mit Schluchzen verbunden ist, mit schrecklichem Schluchzen, zu akzeptieren, dass man von diesem Schluchzen geschüttelt wird, zu akzeptieren, dass man von Schmerz durchdrungen ist. Das ist die Trauer in einem sehr rohen Zustand, der absolut unbeschreiblich und unsäglich ist.

Es ist auch ein purer Zustand von Leid, der eine grosse innere Kraft abverlangt, wenn man ihn willkommen heisst. In diesem Urzustand des Leidens ist es, als würde man zusammenwachsen mit dem Leiden jeden Wesens auf dieser Erde. In dem Moment, in dem die Frau ihr eigenes Leid erfährt, ist es ihr unmöglich, sich mit dem Leid der anderen zu verbinden, weil sie zutiefst alleine ist mit dieser Trauer. Es ist wichtig, diese Einsamkeit in diesem Moment zu akzeptieren. Es ist auch wichtig zu wissen, dass in dieser Einsamkeit das Bedürfnis nach Verbindung mit anderen steckt, und dass das Fehlen dieser Verbindung nochmal ein weiteres Leid bedeutet. Die Tatsache, sich von seinem Umfeld nicht verstanden zu fühlen, die anderen gleichzeitig gar nicht damit belasten zu wollen, und trotzdem dieses riesige Bedürfnis danach zu haben, verstanden zu werden, in den Arm genommen zu werden.

Es ist wichtig für einen selbst, in dieser Trauer sich selbst zu umarmen, sich mit einer Decke zu umhüllen, sich in ein weiches Kissen zu versenken, aber dann mit der Zeit auch darum zu bitten, dass andere einen umarmen oder umgeben, zum Beispiel der Mann, wenn man verheiratet ist, oder die engere Familie, enge Freunde, oder Katzen, wenn man welche hat. Und dann zu wissen, dass es in dem Moment, in dem es am härtesten ist, unmöglich ist, an etwas anderes zu denken, zum Beispiel daran, dass es besser wird. Es wird besser. Das muss man wissen. Aber dafür braucht es Kraft. Die Frauen, die durch diese Trauer gehen, lernen ihre eigene Kraft kennen, von der sie noch gar nichts ahnten.

Es geht nicht nur darum, auf das Kind zu verzichten oder die Abwesenheit dieses Kindes zu ertragen, es geht darum, diese Abwesenheit zu transformieren, und diese Präsenz zu transformieren. Denn in Wirklichkeit ist es für eine Frau mit Kinderwunsch so, dass dieses “Projekt Kind”, das nicht erfolgreich war, sie begleiten wird für den Rest ihres Lebens. Es gibt leichtere Phasen und dann andere, in denen diese Trauer mit grosser Heftigkeit reaktiviert wird, zum Beispiel am Muttertag oder an Weihnachten. Aber es ist wichtig zu wissen, dass es leichtere Phasen gibt. Und jetzt sage ich etwas, was man je nach Phase noch nicht hören mag, aber ich sage es trotzdem, damit die Frauen wissen, dass es passieren wird: diese Trauer wird sie zutiefst verändern. Sie werden nie mehr die gleichen sein wie damals, als sie noch unbeschwert davon ausgingen, dass sie ein Kind haben würden. Und wer sie danach sein werden, wären sie niemals geworden, wenn sie nicht diese Lebensprüfung erfahren hätten.

Im Moment dieses Schmerzes würden die Frauen alles geben, um das nicht erleben zu müssen. Und tatsächlich handelt es sich dabei um eine tiefe Ungerechtigkeit - es wird als Ungerechtigkeit empfunden. Es ist wichtig, diese Welle der Ungerechtigkeit zu akzeptieren, durch sie hindurchzugehen, in dem Moment, wenn der Schmerz da ist, die Wut da ist, das Gefühl von Ungerechtigkeit. Einfach annehmen. Annehmen. Annehmen, begleiten und in etwas anderes umwandeln. Nach und nach wird etwas anderes hervorkommen im eigenen Inneren. Sandstrände von Sanftheit, von Zärtlichkeit, auch die Tatsache, dass man plötzlich merkt, dass in dieser Trauer zutagetritt, was wirklich wichtig ist. Die Essenz der eigenen Werte, die Essenz dessen, wonach man strebt, das Finden des Wertes dessen, was das Leben ausmacht, die Natur natürlich, die menschlichen Beziehungen, die wahren, authentischen, herzlichen Beziehungen. Plötzlich kann man es wagen, sich selbst zu sein. Die Tatsache, dass man durch diese Trauer hindurchgeht, erlaubt es, die Fähigkeit zu entwickeln, total sich selbst sein zu dürfen gegenüber sich selbst. Und die Fähigkeit, ganz sich selbst zu sein gegenüber sich selbst, führt zur Fähigkeit, ganz sich selbst zu sein gegenüber dem anderen. Ganz präsent zu sein gegenüber dem anderen. Aber um gegenüber dem anderen ganz präsent sein zu können, war es nötig, durch den eigenen Schmerz hindurchzugehen, in dem man ganz bei sich selber war.

C.-E.D.: Wow. Das sind viele Informationen, viele Gedankenanstösse. Vielen Dank für diese Erklärungen, für diesen Bericht, der wirklich sehr genau wiedergibt, was Sie in Ihren Begegnungen mit Frauen erleben. Ich glaube, dass viele Frauen nicht vorwärtskommen in der Phase “Ich glaube, ich habe meine Trauerarbeit gemacht, aber nun möchte ich mich verändern, wie soll es in meinem Leben weitergehen?” Dieser Übergang scheint sehr schwierig zu sein. Wenn ich von mir selber erzählen darf - was mir sehr geholfen hat, ist ein Übergangsritual, um zu zeigen, dass ich den Traum der Mutterschaft loslassen wollte, um mich für andere Möglichkeiten in meinem Leben zu öffnen. Ist das etwas, was Sie den Frauen empfehlen, die Sie begleiten? Könnte das etwas sein, was beim Übergang hilft oder was die Veränderung initiieren kann, denn die Frauen sehnen sich nach dieser Veränderung, aber diese ist sehr schwierig zu erreichen?

I.T.: Ja, Sie erklären das sehr gut, indem Sie von Ihrer eigenen Erfahrung erzählen. Zum Ritual, das Sie ansprechen: können Sie dies noch etwas ausführen?

C.-E.D.: Ja, ich kann dies kurz erklären. Ich möchte aber anmerken, dass ein Ritual etwas sehr Persönliches ist. Ich habe mein Ritual so gewählt, dass es zu mir und meinen Werten passt. Kurz gesagt habe ich mich entschieden, einen Baum im Park meiner Stadt zu pflanzen, einem Ort, den ich sehr liebe, in dem ich gerne spazieren gehe. Ich liebe die Natur, daher habe ich diesen Ort gewählt. Ich nahm einen Ahorn, weil das im Québec der typische Baum ist, ein sehr starker Baum, der lange lebt. Der Baum steht für mich ein wenig für das Kind, das ich nicht haben werde, und dem ich zuschauen kann, wie es wächst. Ich habe ihn gepflanzt an einem Ort, wo meine Familie ihn auch besuchen kann, darum wählte ich einen öffentlichen Ort. So können die Leute vorbeigehen, die mich kennen und sagen “Ah, das ist der Baum von Catherine-Emmanuelle”. Ich habe den Baum mit meiner Familie gepflanzt. Ich habe die Gründe vorgelesen, warum ich hatte Mutter sein wollen. Ich hatte das auf ein Blatt Papier geschrieben, das ich dann in die Erde zu den Füssen des Baumes legte. Wir pflanzten den Baum zusammen. Für mich ist das ein sehr aussagekräftiges Ritual. Ist das etwas, was auch Sie empfehlen, oder was Sie bei Ihren Klientinnen schon gesehen haben?

I.T.: Das ist wunderbar. Ihr Bericht ist toll! Diese Trauer ist immer sehr persönlich. Für jede Frau wird es etwas anderes sein. Man kann dem Kind einen Brief schreiben, diesem Kind, das nie kommen wird, oder dem Kind, das wieder gegangen ist, wenn es verstorben ist oder es eine Fehlgeburt gab. Oft möchten die Menschen die Trauer quantifizieren, als gäbe es eine Trauer, die wichtiger wäre als eine andere. Hier würde ich antworten, dass Trauer Trauer ist. Es passt hier nicht, eine Trauer schlimmer oder wichtiger zu nennen als eine andere. Die Intensität der Trauer wird bestimmt durch die Intensität der Investition. Es gibt Frauen, die kein Kind haben, aber dabei sehr ambivalent sind. Sie werden dies mit einem gewissen Schmerz erleben, aber verarbeiten diesen vielleicht leichter als eine Frau, die sich wahnsinnig in dieses Kind investiert hatte, für die dieses Kind gewissermassen schon fast existierte. Die Intensität ist unabhängig davon, ob sie nie schwanger gewesen war, ob sie schwanger war und das Kind schnell verlor oder später - die Intensität hängt davon ab, wie viel diese Frau schon investiert hat.

Um auf das Ritual zurückzukommen: das Schreiben eines Briefes, eines Liebesbriefes an dieses Kind, denn es handelt sich ja tatsächlich um eine Art Liebeskummer, es gibt verschiedene Arten davon. Bei einer Frau, die immer Kinder wollte, steckt im Kinderwunsch der Wunsch geliebt zu werden, aber auch der Wunsch zu lieben. Das ist noch recht verkannt. Ich habe diesen Punkt noch nicht gebührend behandelt in meinen beiden Büchern. Jedes Kind, das auf die Welt kommt, bringt ein Potential von Liebe mit sich, es muss auf Menschen treffen, denen es diese Liebe geben kann, die diese Liebe annehmen werden. Der Kinderwunsch beinhaltet also auch den Wunsch, diese Liebe geben zu können. Sie auch zu empfangen in diesem Austausch, und dann das Kind zu begleiten in seiner Entwicklung. Der Frau, die kein Kind hat, ist das vorenthalten. Das fühlt sich an wie ein Loch im Herzen oder ein Loch in ihrem Leben. Sie muss also dieses Loch, diese Wunde, verbinden, diesen tiefen Schmerz, der in verschiedenen Phasen des Lebens wieder zurückkommen kann. Im Allgemeinen beruhigt sich das Ganze, die Wellen werden immer weniger stark und weniger lang. Man muss diese Wunde verarzten, ein wenig wie ein Hund, der sich verkriecht (isoliert), um seine Wunde zu lecken, und dann gibt es das Bedürfnis nach Eingebunden-Sein. In Bezug auf das Ritual: wenn die Frau ihrem Kind schreibt, was sie ihm hätte geben wollen, was sie erträumt hatte um das Kind herum, für das Kind, dann soll sie auch ihren ganzen Schmerz schreiben, und von da an gibt es verschiedene Möglichkeiten. Sie [Catherine-Emmanuelle] haben den Brief geschrieben und haben ihn in die Wurzeln Ihres Baumes gepflanzt. Man kann den Brief verbrennen, man kann ihn begraben, man kann ihn einem Fluss übergeben. Beim Fluss steckt der Gedanke dahinter, dass dieser Kummer sich in einen Fluss verwandelt, dass man Kummer sein kann, Tränen sein kann, um sich dadurch in einen Fluss zu verwandeln. Das Feuer trägt den Aspekt der Reinigung in sich, es geht darum, dass etwas die Erde verlassen wird durch die Flamme der Kerze, und wenn ich von Kerze spreche, dann denke ich auch an ein anderes Ritual, das mir erst kürzlich in den Sinn gekommen ist in diesem Zusammenhang. Kennen Sie den heiligen Tanz?

C.-E.D.: Nein.

I.T.: Das ist etwas, was in Belgien und Kanada noch kaum praktiziert wird, aber es handelt sich um einen Tanz, der repetitiv ist, ein wenig wie eine Tanzmeditation, bei der man sich verbindet in einem Kreis und gleichzeitig eine Transzendenz in der Spiritualität hat. Spiritualität ist nicht das gleiche wie Religion, sondern das, was auf der Ebene der Seele erlebt wird. Einer dieser Tänze ist besonders schön. Ich habe mir gedacht, dass ich das vielleicht verwenden könnte in meiner Arbeit mit trauernden Frauen: jede Frau oder jeder Mann hat in der linken Hand eine Kerze; die andere Hand legt man auf die Schulter und dann auf den Rücken an der Stelle des Herzens bei der Person, die vor einem steht, kombiniert mit einigen Schritten und Musik, die wunderschön ist. Bei diesem Ritual kann eine Frau in der Mitte stehen, umgeben von ihrer Familie (Herzensfamilie, Freunde etc.). Dabei ist sie verbunden mit den anderen, mit der Kerze ist sie aber auch in dieser Transzendenz - denn dieses Kind, das nicht da ist, diese Absenz ist ja sehr präsent - und diese Präsenz ist etwas, was die Frau während ihres ganzen Lebens begleitet. Vielleicht sogar mehr als bei einer Frau, die Mutter ist, auf andere Weise. Das kann sie begleiten in ihrem Herzen, ihrer Seele, und bei dem, was sie später tut in ihrem Leben. Ich werde etwas sagen im Hinblick auf diesen Tanz. Ich denke, der Ursprung dieses Tanzes war eine Frau in Indien, die in ihr Dorf zurückkehrte, und das Dorf war komplett zerstört. Diese Frau schrie den Schmerz all dessen, was sie verloren hatte, heraus. Vielleicht war es auch “nur” ihr Kind (“nur” in Anführungszeichen, da sind wir uns einig). Aber da bin ich mir nicht mehr ganz sicher, da muss ich mich informieren. Auf jeden Fall denke ich, dass dies etwas sehr Kraftvolles sein könnte. Dabei wird die Frau umgeben von den anderen Frauen. Dabei wird auch die Verbindung mit allen Frauen auf der ganzen Welt sichtbar, die in Trauer sind. In der Trauer der Frau, die keine Kinder hat, schwingt auch der Mangel an Zugehörigkeit mit. Das ist ein sehr grosser Schmerz. Bei diesem Tanz findet eine Verbindung statt mit dem Schmerz eines jeden Wesens auf Erden, und dabei kann eine Art unsichtbare Kette dieser Menschlichkeit entstehen ab dem Moment, in dem man das Leid erfahren hat. Dabei kann es sich um den Schmerz der ungewollten Kinderlosigkeit handeln, aber auch um andere Trauer. Dieses Leid schafft die Wiege ihrer inneren Menschlichkeit.

C.-E.D.: Was mich hier sehr anspricht, ist der Aspekt der Zugehörigkeit. Denn tatsächlich ist es schwierig, sich zu identifizieren oder Teil zu sein von der Gruppe der Mütter. Ich selber denke oft über den Aspekt Anerkennung nach. Kürzlich habe ich einen Kurs zum Thema Trauer bei Fehlgeburten besucht. Es gibt immer mehr Institutionen, die Eltern unterstützen beim Verlust eines Kindes in der Schwangerschaft oder bei der Geburt. Es wird in den Medien immer mehr darüber berichtet und es gibt immer mehr Ressourcen dazu. Diese Trauer tritt also aus der Tabuzone heraus. Die Herausforderung der Frauen, die keine Kinder haben, ist, dass sie um eine Leere trauern. Es gibt nichts Konkretes oder Materielles. Sie trauern um etwas, was nicht existiert, und daher ist es noch viel schwieriger für die Angehörigen zu verstehen, was diese durchmachen. Also sagen die Leute: lass das hinter dir, denk an etwas anderes, das ist nicht so schlimm, wie wenn du ein lebendes Kind verloren hättest. Aber für diese Frauen ist diese Trauer echt und weil sie nicht materialisierbar ist, ist es umso komplizierter, sie zu verstehen. Sind sie mit dieser Sicht einverstanden?

I.T.: Absolut. Es ist eine namlose Trauer, eine unsichtbare Trauer. Wenn Sie die Möglichkeit haben, eine Gruppe zu gründen für solche Frauen, die keine Kinder haben, dann ist mein ganzes Herz bei Ihnen.

C.-E.D.: Das ist bereits geschehen. Es gibt eine Gruppe in Montréal, Québec und eine in Paris.

I.T.: Wunderbar. Tatsächlich ist es wichtig, sich zu überlegen, was die Leere ist - denn Sie sprechen ja von Leere.

C.-E.D.: Ich meine damit die Abwesenheit des realen Kindes - diese Art der Trauer erhält keine Anerkennung in der Gesellschaft.

I.T.: Diese Trauer spricht die Bauchregion an. Dieses Gefühl der Leere im Bauch, der fehlenden Wölbung, der Bauch, der nichts empfangen, erhalten, kein Kind kennenlernen durfte. Diese Leere ist in Wirklichkeit ein Raum des Überflusses. Und es ist wichtig, diese Veränderung zu sehen. Zu sehen, dass diese Leere sich in einen Überfluss verwandeln kann. Diese Leere tut furchtbar weh. Wie ein richtiges Loch. Und dann kann da innerlich wie etwas gewoben werden, etwas Zärtliches, etwas Liebevolles, Menschliches. Und dieses Zarte kann wirklich eine Begleitung sein und das ist ein Gefühl, als wäre dieses Kind, das man nie hatte, in Wirklichkeit anwesend in einem drin. Es ist das Kind, dass einem sich selbst enthüllt hat, indem es nicht kam. Das Kind ist da. Seitdem man den Wunsch danach hatte, noch viel mehr, als man litt, und es ist immer noch da, immer. Daher ist es wichtig, diese unsichtbare Anwesenheit anzuerkennen.

C.-E.D.: Ich könnte noch ewig weiterreden, das ist alles so spannend! Aber wir kommen zum Ende des Gesprächs und ich möchte Sie fragen, was Sie den Frauen mitgeben können für den Muttertag. Gibt es konkrete Strategien, die Sie vorschlagen?

I.T.: Ja, dass sie sich selbst ein Geschenk machen. Als Mutter. Mutter ihrer selbst, Mutter dieses unbeschreiblichen, unsichtbaren Kindes, Mutter im Sinne aller ihrer mütterlichen Eigenschaften. Das kann ein symbolisches oder materielles Geschenk sein, es kann teuer sein oder gar nichts kosten, aber es muss Sinn machen. Es muss wirklich ein Geschenk sein. Das kann bedeuten, spazieren zu gehen, es kann bedeuten, NICHT an einem Familienfest teilzunehmen, wo sie sich fehl am Platz fühlen würden, wo sie sich in ihrem Schmerz nicht gesehen fühlen. Vielleicht wird es in einigen Jahren möglich sein, vielleicht schon nächstes Jahr, vielleicht aber nicht dieses Jahr. Dieser Schmerz ist real und legitim. Er muss gehört werden. Wenn der Schmerz nicht gehört wird, ist dies eine Art Gewalt, die man sich selbst antut. Mein Rat also: dem Schmerz zuhören, ihn willkommen heissen, ihn begleiten, ihn transformieren, sich ein Geschenk machen und sich selbst auch gratulieren zum Mut, den es dazu braucht, sich auf diesem Weg zu befinden.

C.-E.D.: Ganz zum Schluss möchte ich gerne die beiden Bücher von Isabelle empfehlen, die ich mit Begeisterung gelesen habe: Epanouie avec ou sans enfant, und Ces femmes qui n’ont pas d’enfant, la découverte d’une autre fécondité. Ich danke Ihnen nochmals, Isabelle. Ich bin überzeugt davon, dass dieses Gespräch wie ein Balsam auf der Wunde sein wird für all die Frauen, die einen weiteren Muttertag vor sich haben. Ich hoffe, diesmal wird es weniger schlimm und mit mehr Frieden verbunden sein. Ich wünsche uns allen, dass wir an diesem Tag uns selbst gegenüber etwas barmherziger sind. Merci!

I.T.: Danke Ihnen, Catherine-Emmanuelle, danke!


In diesem Gespräch steckt extrem viel drin. Vieles kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Was meint Ihr dazu? Hat Euch etwas besonders angesprochen?

Die älteren Muttertagstexte sind übrigens hier zu finden.

Alles Liebe und tragt Euch Sorge,
Elaine

Foto: Elaine

Elaine

lebt in der Schweiz. Sie liebt die Natur, besonders im Frühling. Sie mag Spaziergänge, Wanderungen, die Berge, das Meer, Bücher, Kunst, Flohmärkte, Brockenhäuser.

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