Elaine ohne Kind

Über den Abschied vom Kinderwunsch und das Leben danach

Donnerstag

13

Februar 2020

Zurück zu mir

von Elaine, über Ungewollte Kinderlosigkeit, Heilsam, Bücher

Mein liebster Urlaub des Jahres ist derjenige im Winter. Dann, wenn es im Flachland trüb und grau ist, finde ich es umso schöner, wenn ich ein bisschen in die Höhe komme, in den Schnee, an die frische Luft, mich dort bewege, viel lesen kann, die Ruhe geniessen, Zeit mit meinem Mann verbringen.

Dieses Jahr wurde mir in unserem Wintersporturlaub eine neue Veränderung bewusst. Vielleicht hat es damit zu tun, dass man in einer Ferienwohnung am Ende eines Tals weniger Reizen ausgesetzt ist. Dass da mehr Stille ist, Ruhe. Mehr NICHTS. Raum für Gedanken, dafür, versonnen auf verschneite Tannen zu blicken und einfach zu sein.

Es gibt Dinge, die ich früher für einen selbstverständlichen Teil meiner selbst gehalten hatte, die jedoch in schwierigen Zeiten anders wurden. Zum Beispiel habe ich schon immer gerne gelesen. Als Kind war ich eine richtige Leseratte und treue Benutzerin der örtlichen Bibliothek. Drei Bücher reichten mir meist nicht für eine Woche Urlaub. Zu Weihnachten wünschte ich mir… natürlich Bücher und verbrachte die Tage zwischen den Jahren damit, diese zu lesen und an den Pralinen zu knabbern, die ich ebenfalls geschenkt bekommen hatte. So sahen jahrelang meine Weihnachtsferien aus, und ich liebte es.

Später fand ich es super spannend, neue Sprachen zu erlernen, weil sie mir Zugang zu einer mir bis anhin unbekannten Welt boten: zu einer neuen Kultur, einem neuen Land, der dazugehörigen Küche, Landschaft, dem Temperament der Leute etc. Für meine Matura las ich stapelweise Bücher auf Französisch und Englisch. Das war einerseits Arbeit und ein Stück weit natürlich anstrengend, aber gleichzeitig mochte ich das auch.

Dann hatte ich das Glück, in einer fremdsprachigen Stadt studieren zu dürfen, und ich genoss es, dort in den Buchhandlungen zu stöbern. Bücher waren mein Laster: dafür gab ich mein knapp bemessenes Geld aus, aber ich empfand das als eine gute Investition.

Je nach Bedürfnis vergrub ich mich in ein Stück Weltliteratur oder in etwas Unterhaltsameres, Leichteres, was mich bloss ablenkte, aber keine grosse Leistung meinerseits erforderte. Für mich war es völlig normal, dass beides nebeneinander existieren konnte, je nach Bedürfnis und Phase.

Dann kam die aktive Kinderwunschzeit und die Trauer. Ich habe schon in älteren Blogeinträgen darüber berichtet, was das mit mir machte. Einige Jahre lang reichte es nur für das Nötigste. Weil ich erst damit klarkommen musste, dass gefühlt alle um mich herum Kinder bekamen und ich nicht, weil ich danach einiges an medizinischen Prozeduren auf mich nahm, die sehr belastend waren, und am Ende dann sämtliche Kraft dafür benötigte, mich vom Lebenstraum zu verabschieden, Mutter zu werden. In dieser Zeit las ich einerseits Bücher zum Thema Kinderlosigkeit - zum Teil auch auf Englisch. Und andererseits leichte Romane, die mich ablenken konnten. Ernsthaftere Literatur, die etwas Anstrengung erfordert hätte, lag nicht drin. Ich kaufte mir anfänglich noch französische Bücher, die dann aber bloss im Regal verstaubten.

Vor ein paar Jahren gab ein Kollege französische Literatur an mich weiter, die er doppelt hatte. Solche, die ich gerne lesen wollte. Aber nach der Lektüre des ersten schmalen Bandes blieb ich stecken. Mir fehlte die Motivation und Freude daran.

Als ich kürzlich vor dem Regal stand, beschloss ich, dass ich entweder diese Bücher meinerseits an jemanden weitergeben sollte, der sie auch wirklich liest. Es gibt da ja diese tollen öffentlichen Bücherschränke, die dafür eigentlich ideal sind. Oder aber ich nähme mal wieder einen Anlauf und sähe, ob ich nun wieder Lust darauf habe.

Ich stellte fest, dass ich auf dem Heimweg im Zug oft sinnlos auf meinem Mobiltelefon herumdrückte, dabei Daten aus meinem Datenpaket verbrauchte, aber daran nicht wirklich Gefallen fand. Und ich erinnerte mich daran, dass ich früher doch so gerne im Zug gelesen hatte. Also packte ich mir eines der dünnen Buchbände, die mein Kollege mir geschenkt hatte, in die Tasche. Und siehe da: ich begann mich auf den Heimweg zu freuen. Ich war gespannt darauf, wie die Geschichte weiterging.

Als wir nun Anfang Februar in den Skiurlaub fuhren, packten wir ebenfalls Bücher ein, weil der Wetterbericht nicht gerade rosig war. Darunter einen über 800 Seiten starken französischen Wälzer, gekauft vor fünf oder sechs Jahren und nie gelesen. Was soll ich sagen? Ich war innert einiger Tage durch. Ich kann mich kaum mehr daran erinnern, wann ich zuletzt ein derart umfangreiches Werk in einer Fremdsprache gelesen hatte! Es war ein wunderbares Gefühl, dies wieder zu schaffen, genau wie früher. Wieder diesen Ehrgeiz zu entwickeln: heute möchte ich bis Seite 200 kommen. Oder: jetzt habe ich schon einen Drittel. Was ich Euch übrigens aus meinem Urlaub an (fremdsprachiger) Lektüre empfehlen kann, ist “Notes to Self” von Emilie Pine, einer irischen Literaturprofessorin. Sie ist wie wir ungewollt kinderlos; ihre Sammlung von Essays fällt jedoch eindeutig in die Kategorie Weltliteratur und ist weit mehr als ein Erfahrungsbericht. Falls jemand von Euch Lust auf englische Lektüre haben sollte ;-).

Am Abend vor unserer Abreise sass ich auf dem Bett und merkte, dass ich nochmal ein Stück weiter zu mir selbst zurückgefunden hatte. Welch ein Glück für jemanden, der sich in der aktiven Kinderwunsch- und der Trauerzeit ein wenig verloren hatte!

Es geht mir schon länger wieder gut. Mein Leben fühlt sich erfüllt an. Ich bin soweit meist ganz zufrieden. Und doch - solche kleine Momente bedeuten viel.

Foto: Elaine

Elaine

lebt in der Schweiz. Sie liebt die Natur, besonders im Frühling. Sie mag Spaziergänge, Wanderungen, die Berge, das Meer, Bücher, Kunst, Flohmärkte, Brockenhäuser.

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