Elaine ohne Kind

Über den Abschied vom Kinderwunsch und das Leben danach

Dienstag

5

Februar 2019

Erinnerungen

von Elaine, über Ungewollte Kinderlosigkeit, Reproduktionsmedizin, Abschied vom Kinderwunsch

Bachufer_Schnee

In unserem Haushalt gab es bis vor ein paar Wochen noch eine kleine rote Kühltasche. Ich hatte sie mir damals in der Behandlungszeit angeschafft, um die Medikamente, die ich mir spritzen musste, überall hin mitnehmen zu können. Zum Beispiel zum Betriebsausflug. Oder an eine Hochzeit. Oder zum Essen mit einer Freundin. Da überall verschwand ich mit dieser Kühltasche, zusätzlich versteckt in einem grossen schwarzen Shopper, entweder auf Toilette oder ins Auto, um mir die Spritzen zu setzen.

Als wir die Kühltasche im Dezember zum Transport unseres kulinarischen Beitrages zum Weihnachtsessen im Einsatz hatten, meinte mein Mann, mit dieser Tasche verbände er schlechte Erinnerungen. “Ach, du auch?”, gab ich zurück. Und entschied in dem Moment, dass es Zeit war, diese Tasche ins Brockenhaus zu bringen. Und vielleicht im Sommer eine neue, andere Kühltasche zu kaufen, die nicht mit Negativem behaftet ist.

Ich weiss nicht, wie es Euch geht, aber ich war kurz nach dem Ende unserer Kinderwunschbehandlung in einer so tiefen Trauer, dass ich erst mal schauen musste, dass ich irgendwie überlebte. Dass ich es schaffte, am Morgen aus dem Bett zu kommen. Genug zu schlafen. Und zu essen. Und irgendwie zu funktionieren. Ich wollte “da durch”, das heisst, durch diese Trauer. Ich wusste in meinem Kopf, es würde besser werden, und ich könnte wieder ein gutes Leben haben. Irgendwann. Mein Weg der Verarbeitung dieser ungewollten Kinderlosigkeit ist hier auf dem Blog gut nachvollziehbar. Ich bin sehr dankbar dafür, dass es mir inzwischen wieder gut geht.

Was ich noch nicht verarbeitet habe bzw. was mir eigentlich erst jetzt so richtig bewusst wird, ist die Tragweite aller medizinischen Bemühungen. Ich habe ziemlich am Anfang dieses Blogs einen kleinen Eintrag mit dem Titel Traumatisch verfasst, in dem ich festhielt, dass die Behandlung genau das gewesen war. Traumatisch! Und doch konnte ich mich in dem Moment nicht weiter damit auseinandersetzen. Das Thema ungewollte Kinderlosigkeit hatte Vorrang. Und das war wohl auch richtig so. Ich musste mich zuerst damit versöhnen.

Erst jetzt realisiere ich, wie viel ich mir bei diesen Bemühungen um meine Wunschkinder zugemutet habe. Mir und meinem “wunderbaren Körper”, wie Christine dies in einem Kommentar mal so schön formuliert hatte. Ich nahm ihn damals nicht als wunderbar wahr, denn er verwehrte mir ja etwas Grundlegendes, was ich mir so sehr wünschte. Ich dachte, mein Körper sei irgendwie defekt, fehlerhaft, und ich müsse diesen Fehler beheben bzw. den Körper auf reproduktionsmedizinischem Weg dazu bringen, so zu funktionieren, wie er meiner Meinung nach sollte.

Eine Bekannte von mir war letzthin geschockt zu erfahren, dass ich teilweise immer noch Medikamente benötige, um schlafen zu können. So tief sitzt die Operation und direkt darauf folgende Behandlung in meinem Körper drin, dass Entspannung zuweilen immer noch unmöglich ist. Jetzt, wo es mir sonst gut geht! Gespeichert ist in meinen Zellen, dass operiert wurde, ohne danach die nötige Zeit zur Heilung zu gewähren. Während in mir drin noch alles wund war, ging es bereits weiter mit Hormonen, Arztterminen und Untersuchungen. Vor jeder. einzelnen. Untersuchung. war. ich. angespannt. Nervös. Ich konnte das nicht abstellen. Und diese Anspannung, über so lange Zeit so regelmässig erfahren, ist mir geblieben. Sie ist das, was ich in diesem Jahr vor allem anpacken will. Ich habe schon letzten Frühling einen ähnlichen Post geschrieben und im Spätsommer angefangen mit Massage, Pilates, Atemübungen. So gut ich es eben konnte nebst allem anderen. Ich fühle mich da immer noch am Anfang. Habe weitere Fragen offen, die ich vielleicht mit einer Psychologin klären möchte. Oder mit Fachpersonen aus der alternativen Medizin. Denn die Schulmedizin kann mir da nicht weiterhelfen. Das habe ich schon versucht.

Erinnerungen sitzen nicht nur in unseren Köpfen drin, das weiss ich inzwischen. Vieles drückt sich auch im Körper aus. Ein Stück weit habe ich mich wohl selbst traumatisiert durch diese medizinischen Bemühungen. Ich bin deswegen nicht böse auf mich, denn ich kenne die Gründe dafür. Und doch wünschte ich mir, auch da wieder heil zu werden.

Foto: Elaine

Elaine

lebt in der Schweiz. Sie liebt die Natur, besonders im Frühling. Sie mag Spaziergänge, Wanderungen, die Berge, das Meer, Bücher, Kunst, Flohmärkte, Brockenhäuser.

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