Elaine ohne Kind

Über den Abschied vom Kinderwunsch und das Leben danach

Mittwoch

14

November 2018

Zwischen- und Leerräume

von Elaine, über Abschied vom Kinderwunsch, Ungewollte Kinderlosigkeit, Bloggen

Der Übergang vom aktiven Kinderwunsch hin zu einem glücklichen Leben ohne Kinder enthält immer mal wieder Leerräume oder Lücken. Diese Erkenntnis verdanke ich Sarah von Infertility Honesty. Zuvor hatte ich diese Leerräume sehr wohl gespürt, ausgehalten und erlebt, wie sie sich mit der Zeit mit anderen, neuen Dingen füllten, aber ich hätte sie nicht benennen können.

Es gibt Leerräume der verschiedensten Arten. Einerseits sind da die physischen Leerräume, wenn wir bereits ein Nest gebaut, ein Haus gekauft oder ein Kinderzimmer in einer Wohnung vorgesehen hatten und sich diese Räume nicht wie erwartet füllen. Das ist schmerzhaft. Weit schwieriger waren für mich allerdings die sozialen Leerräume, die parallel dazu ebenfalls auftraten.

Die sozialen Leerräume haben damit zu tun, dass alle anderen ihre Familien gründen und damit neue Sorgen, neue Gesprächstthemen haben, während sich bei uns der Schritt in diese Etappe zuerst mal endlos in die Länge zieht und dann gar nicht eintritt. Nicht nur fehlen einem die Menschen, mit denen man über die eigenen Sorgen, Nöte und Ängste reden kann, sondern die grösste unerfüllte Sehnsucht wird einem eigentlich ständig vor Augen gehalten, weil die anderen das haben, was wir (noch) nicht erreicht haben. Sehr schwierig! Wenn wir einige Male verletzt oder ausgeschlossen wurden, verstummen wir in unserem angestammten Umfeld, das sich nun um Familien dreht, und ziehen uns zurück. Es passt nicht mehr zu uns, aber wir haben gleichzeitig auch noch kein neues Umfeld. Da ist er, der soziale Leerraum. Kaum jemand, der einem sagt: “Ich weiss, wie du fühlst”. Oder “Ich verstehe dich”. Das war für mich eine sehr einsame Phase. Und ich weiss mittlerweile, dass es auch anderen so geht oder ergangen ist.

Verbunden ist damit eine gefühlte Leere in der eigenen Entwicklung. Der ursprüngliche Lebensplan lässt sich nicht verwirklichen, was jetzt? Der Abschied von alten Wünschen geht nicht so leicht. Es sind ja keine oberflächlichen Wünsche, sondern solche, die vielleicht von klein auf tief in uns drin steckten. Diesen auf den Grund zu gehen, herauszufinden, was man sich denn wirklich davon erhoffte, das braucht Zeit. Und Kraft. Und hängt auch sehr eng zusammen mit einer Trauer, die von der Gesellschaft wiederum kaum verstanden wird. Diese Leere, wenn die ursprünglichen Träume nicht in Erfüllung gehen, füllt sich nicht auf Knopfdruck. Sie muss ausgehalten werden, und das ist nicht leicht.

Nach der intensivsten Trauer wandte ich mich damals einem neuen Ziel zu, das ich ansteuern konnte, auch wenn die Trauer immer noch ein wenig an mir hing: ich machte die Ausbildung, die ich mit 18 aus Vernunftgründen nicht gemacht hatte. Jetzt musste ich nicht mehr vernünftig sein, jetzt ging es darum, dass mein Leben ein erfülltes und sinnvolles würde. Dass ich Tätigkeiten ausüben konnte, die mir Freude machten und mir gut taten. Sicherheit war weniger wichtig als auch schon, weil ich ein “nur sicheres” Leben mir nicht länger vorstellen konnte. Die Perspektive, dass alles so bleiben würde bis zur Pensionierung, deprimierte mich. Und Sicherheit ist ja auch relativ - mit einem Mann an meiner Seite, der ebenfalls verdient, bin ich im Prinzip gar nicht so risikofreudig ;-).

Nun umgibt mich eine neue Art von Ungewissheit oder Leere. Kaum bin ich angekommen in meinem Kinderlos-Sein, jedenfalls sozial gesehen - ich habe Kontakte in der Online-Community der ungewollt Kinderlosen und treffe auch im richtigen Leben immer mal wieder andere Frauen, die keine Kinder haben - da reizen mich genau diese Themen plötzlich nicht mehr. In den letzten Wochen und Monaten war der Drang deutlich kleiner, andere Blogs von Kinderlosen zu lesen und Kommentare zu hinterlassen. Das neue Buch von Lesley Pyne hätte ein Teil von mir nur zu gerne bestellt, aber der innere Widerstand war zu gross. Ich konnte es nicht bestellen. Ich konnte und wollte auch keinen allzu grossen Aufwand für die Welt-Kinderlosenwoche im September betreiben. Wenn sich einfach so Frauen meldeten, die dabei mitmachen wollten, dann schön. Aber wenn nicht, so konnte ich es ohne schlechte Gefühle auch einfach sein lassen. Das war für mich völlig okay. Und das tat ich am Ende auch.

Seit August widme ich mich einem neuen Teilzeit-Standbein. Das macht mir grosse Freude, kostet aber auch Energie und bringt eine gewisse Unsicherheit mit sich. Ich merke, dass mir dieses neue Standbein wichtiger ist, als neue Fotos für den Blog zu schiessen. Oder Blogtexte auf Vorrat zu schreiben. Tatsächlich lese ich lieber Fachbücher aus dem Bereich meiner neuen Teilzeit-Tätigkeit. Und informiere mich darüber, wie andere mit dem sogenannten Patchwork-Arbeiten klarkommen.

Dieser Blog hier ist nach wie vor ein Teil von mir. Er ist verbunden mit meiner Identität als kinderlose Frau, er hat mich begleitet durch schwierige Zeiten und mich verknüpft mit einem sehr wertvollen Netzwerk. Gleichzeitig hält er mir im Moment auch einen Spiegel entgegen.

Ich verstehe nicht ganz, was für eine Phase das nun jetzt wieder ist. Wieso ich diesen inneren Widerstand verspüre und keine Bücher zum Thema Kinderlosigkeit mehr lesen möchte. Warum es mir plötzlich schwerer fällt als früher, auf anderen Blogs Kommentare zu hinterlassen. Ich weiss nicht, was am Ende dieser merkwürdigen Leere kommt. Einmal mehr kann ich sie nur zulassen, aushalten und abwarten.

Kennt Ihr solche Zwischen- und Leerräume auch?

Foto: Elaine

Elaine

lebt in der Schweiz. Sie liebt die Natur, besonders im Frühling. Sie mag Spaziergänge, Wanderungen, die Berge, das Meer, Bücher, Kunst, Flohmärkte, Brockenhäuser.

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