Elaine ohne Kind

Über den Abschied vom Kinderwunsch und das Leben danach

Donnerstag

19

September 2019

Luisas Geschichte (Teil 2)

von Elaine, über Abschied vom Kinderwunsch, Welt-Kinderlosenwoche, Frauen ohne Kinder

Heute folgt der zweite Teil von Luisas Geschichte anlässlich der Welt-Kinderlosenwoche. Den ersten Teil findet Ihr hier.

Mein neues Leben

Nach drei erfolglosen, zermürbenden Jahren der Kinderwunschzeit sah ich ein, dass sich in meinem Leben etwas Grundlegendes ändern musste. Ich musste mich wohl darauf einstellen, nicht mehr Mutter zu werden – und wollte ich nun wirklich die Jahre bis zur Pensionierung in einer unbefriedigenden, stumpfsinnigen Tätigkeit auszuharren, in welcher ich schon lange keinen Sinn mehr sah? Wenn ich schon kein Kind haben konnte, so wollte ich es mir im Leben zumindest so angenehm und schön wie möglich einrichten. Über ein Jahr lang habe ich mich zu dieser Entscheidung durchgerungen, doch dann sagte ich meinen langjährigen Job im Callcenter ade. Ich habe es nicht bereut.

Im Herbst 2018 startete ich dann eine neue Ausbildung. Ich war schon immer gern kreativ, und es ist ungemein befreiend für mich, eigene Ideen zu verwirklichen, ihnen durch das Gestalten mit den Händen eine Form zu geben. In einem Jahr habe ich meinen Abschluss in der Hand, und noch weiß ich nicht, wie es danach für mich weitergeht. Es wird vermutlich nicht ganz so einfach sein. Im Moment zählt bei mir aber das JETZT, noch will ich nicht an das Morgen denken. Diese Ausbildung hilft mir dabei sehr, über meine Traurigkeit hinwegzukommen – und die Situation ohne Kind als Chance für etwas Neues zu nutzen.

Auch privat hat sich im letzten Jahr einiges getan: Mein Schatz und ich haben einander das Ja-Wort gegeben. Unsere Beziehung ist gereift und aus der Krise gestärkt hervorgegangen. Es gibt vieles, das wir gerne zu zweit genießen: Den Luxus, am Wochenende schlafen zu können so lange wir wollen. Die Freiheit, auf unserer breiten Couch im Wohnzimmer ungestört zu kuscheln. Einfach mal so, ohne Verpflichtungen, für ein Wochenende wegzufahren. Unsere Urlaubsreisen im Sommer wie im Winter, wo wir immer wieder Neues für uns entdecken. Mit Kindern wäre das alles viel komplizierter. Das Leben als Paar ohne Kind hat schon auch seine Vorteile.

Hin und wieder frage ich mich: Wollte ich zum damaligen Zeitpunkt wirklich für ein Kind die Verantwortung übernehmen? War wirklich DAS mein innigster Wunsch? Oder – wäre es nicht ein durchaus willkommener Weg gewesen, um aus meiner tristen Job-Situation herauszukommen? War es nicht auch Torschlusspanik, weil mir schlichtweg die Zeit davonlief? Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit gehabt. Mehr Zeit, um den Kinderwunsch entspannter angehen zu lassen. Mehr Zeit zu warten, bis mein Herz wirklich bereit war für ein Kind. Denn erst musste ich meinen eigenen Bedürfnissen nachkommen, mir selbst eine „gute Mutter“ sein. Ja, ich bin eben ein echter Spätzünder ;-). Es ist so ungerecht, dass Frauen zum Kinderkriegen nur ein begrenztes Zeitfenster haben, während Männer noch mit 50 oder 60 Jahren Vater werden können.

Jetzt, mit etwas Abstand betrachtet, beneide ich die Mütter nicht so sehr, welche so gut wie nie ZEIT FÜR SICH SELBST haben. Weil die Kinder ihnen einiges abverlangen. Wahrscheinlich sage ich das so, weil ich es nur von meiner eigenen Perspektive aus betrachten kann. Das Mutter-Sein mit all seinen anstrengenden und auch schönen Facetten, ich habe es nie erlebt, ich weiß einfach nicht, was das mit einem macht, wie sich diese Erfahrung anfühlt. Ja, auch deshalb bin ich traurig. Weil mir diese Erfahrung immer fehlen wird.

Man ist UNVOLLKOMMEN.
Nicht zugehörig zu dem, was als „normal“ gilt.

Wie ein Zaungast steht man am Rande einer anderen Gesellschaft, jener Welt der Familien mit Kindern, und fühlt sich wie ein Eremit vom anderen Universum.

Es ist jetzt nicht so, dass ich ein großes Bedürfnis hätte nach dem „Bemuttern wollen“. Meine Psyche schützt sich hier offenbar selbst, denn wie schlimm müsste der Kummer erst sein, wenn starke Muttergefühle vorhanden sind und es keinen Weg gibt, diese zu leben. (Gut, manche schaffen sich ein Haustier an. Ich liebe Katzen, nur leider können wir keine haben weil mein Mann eine Allergie hat.)

Ich glaube, ich kann solche mütterlichen Gefühle nicht entwickeln, ohne das Kind in mir wachsen gespürt und nach der Geburt seinen ersten Atemzügen gelauscht zu haben. Adoption wäre schon deshalb nie eine Option für mich gewesen. Abgesehen davon, dass man ab 40 überhaupt keine Chance mehr auf ein Adoptivkind bekommt. Auch hier gibt es eine strikte Altersgrenze. Ich kann nur den Kopf schütteln über Menschen, die so leichtfertig dahinsagen „man könne doch einfach adoptieren“.

Wenn mich jemand fragte „was das Schlimmste für mich sei“, dann würde ich antworten: die Tatsache, dass ich nicht fähig bin, das zu tun, was als die natürlichste Sache der Welt gilt. Ein Kind zu empfangen, es auszutragen und zur Welt zu bringen, die SCHWANGERSCHAFT SELBST. Überall laufen sie einem über den Weg, diese prall gerundeten Bäuche, man kann ihnen gar nicht ausweichen. Eine Szene hat mich ganz besonders getroffen: Auf einer Vernissage stand da eine Frau im Publikum, die ein so unbeschreibliches Strahlen in den Augen hatte. Als der Blick ganz auf sie frei wurde, erkannte ich warum: Ihr Mann hielt sie von hinten umschlungen und seine Hände strichen zärtlich über ihren gewölbten Leib…

Es ist eigentlich so traurig, dass so besondere Glücksmomente im Leben eines Menschen jemand anderen so aus der Bahn werfen können.

In unserem Umfeld gib es aber noch andere Frauen und Paare, die ebenfalls keinen Nachwuchs bekommen haben. Einige haben bewusst darauf verzichtet, einige sind ungewollt kinderlos geblieben – und bei anderen wissen wir einfach nicht, ob dieser Weg freiwillig gewählt war. Ich stehe in der Welt der Kinderlosen also nicht ganz alleine da. Und doch steckt man innerlich in einer tiefen Isolation. Denn es wird auch unter Schicksalsgenossen kaum darüber gesprochen wie es einem damit geht.

Auch die Erwartungen von außen können sehr belastend sein. Meine Schwiegermutter, eine großartige und sehr warmherzige Frau, ist auch traurig, denn sie hat vier Kinder großgezogen, aber mittlerweile besteht die Familie nur noch aus „Dinosauriern“. Die Ehe meiner Schwägerin ist auch kinderlos geblieben, und die beiden anderen Geschwister meines Mannes leben mit über 50 als eingefleischte Singles. Dann liegt es wie ein stiller Vorwurf über diversen Familientreffen, wenn Schwiegermutter mit verklärten Augen wieder einmal von einer Freundin erzählt, die nun schon zum dritten Mal Oma geworden ist. Es tut mir aus tiefstem Herzen leid, dass ich ihr den Wunsch nach einem Enkelkind nicht erfüllen konnte. Es ist gerade dieser Punkt, der mich am meisten schmerzt. Über all die Generationen gab es eine ununterbrochene Kette an Nachkommen, und mit mir endet nun ein letztes Glied. Nach mir kommt da nichts mehr. Es gibt auch keine „Krönung der Liebe“- einen Spross, der Teile meines Mannes und mir in sich vereint, der so den Keim unseres Lebens weiterträgt. Einen Menschen, der aus unserer Liebe geboren, aus ihr geschaffen wurde. Wir als Paar werden irgendwann einmal die Welt verlassen, und alles, was wir hatten und hier zurücklassen, wird auf dem Sperrmüll landen. Bald wird auch jede Erinnerung an uns ausgelöscht sein.

Mein Mann sieht diese Dinge nicht so dramatisch, er nimmt es eher gelassen. Ich aber sah mich immer in der Rolle einer Bewahrerin. Die Natur hat uns mit einer Plazenta und mit Milchdrüsen ausgestattet; das Gebären und Nähren, das „Leben spenden und es weiter geben wollen“ liegt wohl im Ur-Instinkt einer Frau. Aber vielleicht denkt hier auch nicht jede Frau gleich. Leider kann man nichts erzwingen. Kinder lassen sich nicht einfach „erschaffen“. Sie sind Geschenke vom Leben. Oder auch von Gott, wenn man es so sehen mag.

Ganz undankbar darf ich trotzdem nicht sein. Denn auch mir hat das Leben ein sehr kostbares Geschenk gemacht: die Beziehung mit dem wunderbaren Mann an meiner Seite. Wir können auch einem Leben zu zweit etwas abgewinnen. Wäre es jetzt möglich, das Rad der Zeit einfach anzuhalten und alles bliebe so wie es gerade ist - wir beide noch jung und unternehmungsfreudig - dann wäre alles gar nicht so schlimm. Wir müssten uns dann keine Gedanken darüber machen, wie es in zwanzig, dreißig Jahren einmal aussieht, wenn an Weihnachten nur noch Pensionisten mit uns am Familientisch sitzen :-(.

Es ist vor allem die Zukunft, die mir Sorge bereitet. Mit der Gegenwart kann ich soweit leben. Im Heute. Im Jetzt. Vielleicht wird die Zeit mir Strategien aufzeigen, wie ich diese Zukunft positiv bewältigen kann. Es gibt auch schon eine Idee - falls das Leben nicht wieder ganz andere Dinge für uns vorgesehen hat. Mein Mann und ich könnten uns vorstellen, einmal unseren Lebensabend im Süden Europas zu verbringen. Auf irgend einer Insel, wo es auch im Winter schön warm ist. Während die Daheimgebliebenen in dicke Mäntel und Schals gehüllt, der langen kalten Jahreszeit trotzen, und alle Nase lang ihre Enkel auf’s Aug gedrückt bekommen, werden wir es herrlich gemütlich haben. In einem hübschen Landhäuschen am Meer, wo ich nach Lust und Laune meinem Kunsthandwerk nachgehen kann. Wo statt Eis und Schnee eine laue Dezemberbrise unsere Nasen kitzelt. Dann werden wir in unserem immergrünen Garten Fruchtcocktails schlürfen und das ganze Jahr über den Duft von Ginster und Zypressen genießen. Dieser sonnige Gedanke hält mich bei Laune, wenn zwischendrin die Dunkelheit mich überkommt.


Liebe Luisa, ich danke dir nochmal herzlich dafür, dass ich deine Geschichte veröffentlichen durfte! Es war mir eine grosse Freude und Ehre und ich wünsche dir von Herzen alles Gute.

Dies ist der letzte Beitrag in der Porträtreihe anlässlich der Welt-Kinderlosenwoche. Ich hoffe, dass es für Euch als Leser*innen hilfreich und inspirierend war, diese Geschichten zu lesen. Mir jedenfalls hat das damals in meiner akuten Trauerphase jeweils geholfen, mich in meiner Situation etwas weniger alleine zu fühlen - auch wenn jede Geschichte etwas anders ist.

Kommt gut in den Herbst!

Foto: Elaine

Elaine

lebt in der Schweiz. Sie liebt die Natur, besonders im Frühling. Sie mag Spaziergänge, Wanderungen, die Berge, das Meer, Bücher, Kunst, Flohmärkte, Brockenhäuser.

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